Modus:
 

Tradition ist nicht das Festhalten
an der Asche,  
sondern das Weitergeben
des Feuers.

(Thomas Morus)

Systemische Bonbons

Hier können Sie nach Herzenslust stöbern und probieren, sicher ist auch für Sie etwas dabei. Viel Spaß damit!


 

Ein Lied zum Abschluss

14.02.2018

von Ingrid Voßler

Neulich am Ende der dreijährigen Weiterbildung in systemischer Therapie und Beratung stellte ich im letzten Seminar zum Thema „Wie man Beratungen und Therapien gut zu Ende bringt“ bewährte zirkuläre Fragen vor. Beispielsweise „Woran würden Sie merken, dass diese Beratung ihrem Ende entgegen geht?“ bzw. „Woran würde Ihr Mann merken, dass diese Beratung so gut wie beendet ist?“. Oder beispielsweise eine rückfallprophylaktische Frage  „Wenn Sie  in der Zukunft den Eindruck haben sollten, es wäre gut, den Platz zwischen Ihren Eltern wieder einzunehmen, wie könnten Sie das machen?“

Neben den zirkulären Fragen arbeite ich auch sehr gerne mit Fragen, die zur Benennung von Wesentlichem einladen. Beispielsweise „Nennen Sie mir drei Dinge, die Sie gerne hier lassen möchten, wenn Sie gleich gehen“ oder „Was wollen Sie nicht mehr?“ Und ich habe eine persönliche  Lieblingsfrage an meine KlientInnen oder Paare beim Abschluss des therapeutischen Prozesses und diese lautet: „Und wie werden Sie das jetzt feiern?“

Die KlientInnen reagieren darauf deutlich emotional. Sie sind überrascht, zeigen Freude, Rührung, positive Aufregung und realisieren in aller Regel in diesem Moment, dass ihnen etwas Bedeutsames gelungen ist, dass sie etwas für sie Wichtiges gemeistert haben. Eine Atmosphäre von Selbst – Bedeutsamkeit entsteht und viele Menschen bekommen tatsächlich Lust, dieses Ende einer Übergangsphase ihres Lebens angemessen zu feiern.

Bei der Planung von Abschluss-Seminaren einer Weiterbildung steht für mich – neben dem fachlich-inhaltlichen Part – genau diese Frage „Und wie werden wir diesen Abschluss jetzt feiern“ im Mittelpunkt. Im Vorfeld des Abschluss-Seminars ist deutlich, dass einige TeilnehmerInnen die emotionale Achterbahn, die möglicherweise mit den Themen „Abschluss und Abschied“ verbunden ist, lieber vermeiden würden. Andere kommen aus ritualarmen Familiensystemen oder haben sich aus guten Gründen für ein möglichst ritualfreies Leben entschieden. Hier nutze ich dann liebend gerne noch einmal die Chance im Weiterbildungsprozess einen Unterschied anzubieten.

Nun zurück zum Abschluss-Seminar der vergangenen Woche: 

Dieses Mal hat die Gruppe mich total überrascht und sehr bewegt. Nach einem von mir geleitetem Abschluss-Ritual der Würdigung mit Zertifikatsübergabe, Blumen und Sekt gab es ein sehr leckeres Essen in Gruppenraum des Instituts. 

Dann kam ein mich komplett überraschendes High-Light: Eine musikalische Darbietung der gesamten Gruppe, ein Lied zum Abschluss. 

Damit brauchte die explizit noch gar nicht gestellte Frage „Und wie werden wir diesen Meilenstein jetzt feiern?“ nicht mehr strapaziert werden, wir hatten bereits in die Antwort hineingelebt, hineingefeiert.

Schön war's. Mein ganz herzlicher Dank geht an die alle nun ehemaligen TeilnehmerInnen der Gruppe XXI.

 

Hier geht es demnächst zum Video.

 

Der Lied-Text der Gruppe ist hier zu lesen:


Einundzwanzig kleine Wölfe legten los vor drei Jahren

Therapie, und zwar systemisch, wollten sie gern erfahren.

Woran erkennt man bitteschön denn ein Problem?

Man kann das alles schließlich auch ganz anders sehen!

Perspektive wechseln, schnell! (Pfeifen)

Wann wird´s in meinem Kopf denn nun mal endlich hell?


Einundzwanzig kleine Wölfe woll´n Systemiker werden,

auf diesem Weg gibt es so manche Beschwerden.

„Die Bücher müsst ihr alle gelesen haben!“

Nur so kommt ihr in den Genuss der Geistesgaben.

Doch das Lesen ist so schwer! (Pfeifen)

Wenn ich jetzt mit den Büchern nur schon fertig wär.


Drei Jahre trafen wir uns im Kasseler Institut,

zum Lernen, Üben, Fragen stell´n, wir machten uns Mut.

Oje, mein Kopf ist, glaube ich, schon wieder voll,

wer macht denn heute bitte mal das Fotoprotokoll?

Wenn nur schon Pause wär (Pfeifen)

Spätestens um elf freut uns das Frühstück sehr.


Einundzwanzig kleine Wölfe wollten sich selbst erfahren,

ne ganze Woche sind sie gemeinsam weggefahren.

Zu zweit, in kleinen Gruppen oder in der Triade,

Beschäftigte uns so manche große Frage

Wenn´s mir nur schon heller wär (Pfeifen)

Woran könnt ich merken, dass ich so klar wie Ingrid wär? 


-Getextet und gesungen vom Abschlusskurs XXI- 

 


 

Im Fokus: Ein Unterschied, der einen Unterschied macht - 

wenn die Supervisorin das Thema 'Strategische Ausrichtung'

in die Beobachtung nimmt

30.01.2018

von Annette Springmeier

Abstract: Dieser Beitrag nimmt Sie mit auf die gedankliche Entdeckungsreise einer Supervisorin  zur Bedeutung von Strategiethemen in der Supervision in Non-profit-Organisationen. 

Zwischenbilanz einer Entdeckungsreise

Je länger ich mich mit dem Thema der strategischen Ausrichtung von Teams und Führungskräften in sozialen Organisationen in Supervisionsprozessen beschäftigt habe, desto mehr Beobachtungsebenen, Sichtweisen und Schichten haben sich entfaltet. Das bezieht sich vor allem auf die Perspektive der Beobachtung der Kybernetik zweiter Ordnung (H. v. Foerster) der Supervisorin - und zwar in dem Sinne, die eigene Haltung, die eigene Sichtweise zum Thema Strategie mit in den Blick zu nehmen. 

Taucht das Thema der strategischen Ausrichtung möglicherweise nur insoweit auf, wie die strategische Ausrichtung und die dazugehörigen Wirklichkeitskonstruktionen von mir als Supervisorin es zulassen? Be-greife ich es in Supervisionen selbst als ein wichtiges Thema, was Voraussetzung dafür ist, die strategische Ausrichtung für Teams und Führungskräfte er-greifbar zu machen? Und falls ja: Mit welcher Intention? So viel sei schon an dieser Stelle verraten: Eine gedanklich-konzeptuelle, inspirierende Reise hat an Fahrt gewonnen. Als systemisch denkende Supervisorin interessiert mich vor allem der Unterschied, der einen Unterschied für das Beratungssystem erzeugt, dem ich als Supervisorin im Sinne der Kybernetik zweiter Ordnung angehöre und in Ko-Kreation mitwirke.

Im Folgenden möchte ich Sie daher auf einige Stationen meiner gedanklichen Entdeckungsreise mitnehmen.

In zahlreichen Supervisionsprozessen hörte ich immer wieder Geschichten über Qualitätsmanagement, Qualitätsbeauftragte, Audit, Zertifizierung, Rezertifizierung oder Qualitätshandbücher. Verbunden mit diesen Erzählungen war oftmals Aufregung und Sorge spürbar, ob das Audit überhaupt „glatt“ durchgehen wird. Der Nutzen für die tägliche praktische Arbeit blieb mir dabei zumeist verborgen. Am Ehesten wurden in diesem Kontext Beschwerden über den immer größer werdenden Umfang des ‚Schriftkrams’, der Bürokratisierung der sozialen Arbeit genannt und dass die konkrete Arbeit darunter leide. 

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass ich als Supervisorin bis vor einiger Zeit selbst nicht aufgehorcht – geschweige denn nachgefragt – habe. Nicht gefragt, an welchen Qualitätsstandards sie sich in ihrer Organisation orientieren und welche Bedeutung und welchen konkreten Nutzen diese für die Arbeit haben. Ohne es selbst bewusst zu merken, hatte ich als Supervisorin ungeprüft einige Bilder der Supervisanden und Supervisandinnen übernommen. Wie sie, verband auch ich beim Auftauchen von Begrifflichkeiten wie der „strategischen Ausrichtung“ eine Bürokratisierung der Arbeit, zunehmende Arbeitsanforderungen oder Arbeitsverdichtung. 

Vor einigen Jahren ergänzte ich meine Supervisionskompetenzen durch eine Weiterbildung im systemisch ausgerichteten Change-Management. Diese Entscheidung war ein Ergebnis meiner in Teamsupervisionen gewonnenen Erfahrungen. Demnach wurde für mich der Zusammenhang zwischen konstruktiver bzw. konfliktreicher Zusammenarbeit und der Qualität der Strukturen und den Steuerungskompetenzen von Führungskräften immer deutlicher sichtbar.

Seit der Weiterbildung gewinnt die Beobachtungsperspektive der strategischen Ausrichtung für mich in der Beratungstätigkeit auch in sozialen Organisationen immer mehr an Bedeutung. Erweitere ich meinen Beobachtungsfokus, macht dies in den Supervisionsprozessen einen Unterschied, der einen Unterschied macht. Die Welt erscheint damit als eine andere, weil neue Reflexionsebenen und Perspektivwechsel möglich werden. Indem ich in Supervisionen und im Coaching der strategischen Ausrichtung eine wichtige Bedeutung zuschreibe, gewinnt für mich die Frage „Was leitet die Mitarbeitenden in der Arbeit, worauf sind sie (nicht) ausgerichtet?“ an Relevanz. 

Ein Beispiel aus der stationären Jugendhilfe

Ausgangspunkt war ein in seinen Beziehungen hoch verstricktes Team einer stationären Jugendhilfe: Die Teamleitung wurde von den meisten Teammitgliedern als solche nicht anerkannt, teilweise sogar deutlich in Frage gestellt. Auftrag der Supervision war, Team und Leitung so zu begleiten, dass Konflikte konstruktiv ausgehandelt werden können und eine gute Leistung in der Arbeit mit den Jugendlichen erbracht werden kann. Inhalt der Konflikte war vor allem die Frage des „richtigen Weges“ für die jeweiligen Jugendlichen, der Umgang mit vereinbarten Regeln und die eigene Haltung in Bezug auf deren jeweilige Sinnhaftigkeit. 

Ab einem bestimmten Zeitpunkt leitete mich die Hypothese, wonach die Ausrichtung der einzelnen Teammitglieder in der Arbeit mit den Jugendlichen mehr von eigenmotivierten Zielen bestimmt war, als von der institutionellen Ausrichtung. 

Dabei hat eigenmotiviertes Arbeiten  für gewöhnlich zur Folge, dass Teams in der Begleitung des Klientels nicht synchronisiert und ausgerichtet tätig werden können. Alle lassen sich von ihren eigenen, individuellen Wirklichkeitskonstruktionen leiten, ohne dass dies dem Bewusstsein zugänglich war und miteinander kommuniziert werden konnte. Alle Teammitglieder folgten ihrem guten Impuls, das Beste für die Jugendlichen solle geschehen.  Die Konflikte, das Ringen und Streiten um den „guten“ Weg war Ausdruck ihrer guten Absicht.

Als Supervisorin bot ich einen Perspektivwechsel an: Was wäre, wenn sie die Arbeit „am Klientel“ als gesellschaftliche Leistung verstehen, die die Organisation und sie als Mitarbeitende  stellvertretend für die Gesellschaft wahrnehmen?  Welcher soziale Benefit und welche sozialen Werte sollen dann im Auftrag der Gesellschaft erschaffen werden? Wer beurteilt eigentlich im Hilfesystem, was eine gute Leistung ist? 

Die inhaltliche Arbeit als gesellschaftliche Leistung zu verstehen, bedeutet, anzuerkennen, dass das Ziel durch den Auftrag der Gesellschaft vorgegeben ist. Die eigene Arbeit konnte somit als Dienst für die Gesellschaft verstanden werden. Das „Wie“ der Gestaltung und die Umsetzung obliegen dann der sozialen Organisation. 

In der Folge ging es in der Supervision zum einen darum, miteinander ein gemeinsames Bild von der „guten Leistung an den Jugendlichen“ im Dialog zu entwickeln. 

Die Jugendlichen brauchen heilsame, Sicherheit und Orientierung gebende Bilder und Erfahrungen in der Beziehung zu den Mitarbeitenden wie hier in dem Beispiel einer stationären Einrichtung. So können sie erfahren, dass das, was sie täglich im Miteinander erleben, strukturell gerahmt ist, also ausgerichtet ist auf den gesellschaftlichen Auftrag und nicht den individuellen Interessen einzelner Mitarbeitender dient. Ansonsten würde sich hier ein Feld für Grenzüberschreitungen öffnen– auch für gut gemeinte.

Im Weiteren ging es dann um die Einbindung von Führung und die Klärung von Rollen, Strukturen und Aufgaben. 

Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass eigenmotiviertes Arbeiten als Symptom für ein Leitungsvakuum, für die fehlende strategische Ausrichtung des Teams und der gesamten Führungsebenen verstanden werden kann. Im Sinne des „Guten im Schlechten“ eröffnen solche Teamkonflikte in der Supervision die Chance, die Präsenz und Qualität der Rahmengestaltung von Führung in den Blick zu nehmen. Sie weisen nämlich darauf hin, dass ein ausgerichtetes Handeln als Team, der Synchronisierung mit den Zielen, dem Leit- und Menschenbild und nicht zuletzt der strategischen Ausrichtung der Organisation bedarf – zum Wohle der Klienten im Sinne des gesellschaftlichen Auftrags. 

Ein Beispiel zum synergetischen Wirken eines Coachings im Kontext eines Strategieprozesses: 

Dieses Beispiel bezieht sich auf ein Leitungscoaching mit zwei jungen Nachwuchs-Führungskräften eines Sozialunternehmens der Behindertenhilfe. Einen Tag vor dem Coaching wurde die Rezertifizierung der strategischen Ausrichtung ihres Sozialunternehmens durchgeführt. Der Auditor hatte nach der Analyse als nächste Entwicklungsanforderung an die Organisation unter anderem den Indikator Teambindung benannt. Teambindung meint in diesem Zusammenhang, dass das Wissen der einzelnen Teammitglieder in der Organisation erhalten bleibt und nicht bei Arbeitsplatzwechsel in eine andere Organisation abwandert. In der Folge müsste ansonsten Wissen wieder neu generiert werden. Beide Führungskräfte sprachen begeistert von dem Audit und von den strategischen Entwicklungsaufgaben. Im Nachsinnen über das, was dies für sie in ihrer Funktion als Leitung konkret bedeuten könnte, fühlten sich beide von der Komplexität der Thematik überfordert. Für eine erste Annäherung an diese Thematik habe ich beide Führungskräfte eingeladen, mittels einer kreativen Methode ihre Teams aufzustellen sowie Ressourcen und besondere Eigenschaften der einzelnen Teammitglieder in den Blick zu nehmen.   

Die Vorstellung von eigener Überforderung weist meiner Meinung nach auf eine Lücke hin zwischen der Analyse des strategischen Ausrichtungsprozesses durch den Auditor und den sich daraus ergebenden Entwicklungsanforderungen an die Organisation. In der Regel verfügen die Führungskräfte nicht über das Handwerkszeug, um die Strategieausrichtung auf der aufgaben- und zielbezogenen, sowie auf der strukturellen Ebene umsetzen können. Supervision und Coaching kann insbesondere in Bezug auf die Ziel- und Aufgabenorientierung hier eine Brücke schlagen.  

Ich habe die strategische Ausrichtung als ein spannendes und hilfreiches Thema in meinen Beratungsprozessen sehr schätzen gelernt. Dieser Fokus unterstützt Führungskräfte und Teams in Organisationen, dass sie trotz vielfältiger Unterschiedlichkeit sinnstiftend und entwicklungsfördernd führen und arbeiten können. Die strategische Ausrichtung kann jedoch nur dann wirksam werden, wenn von dem „was erreicht werden soll und wie es erreicht werden soll und wer welche Aufgabe macht“ ein gemeinsames, handlungsleitendes Bild entsteht. Ein solches gemeinsam konstruiertes Bild reduziert immer die Komplexität vielschichtiger Wirklichkeitskonstruktionen und lässt die Mitarbeitende handlungsfähiger werden. Darüberhinaus fördert es zugleich u.a. Entlastung, Sinnerfahrung und Freude im Zusammenwirken.

Die Synchronisierung der handlungsleitenden Bilder, der Wirklichkeitskonstruktionen der Mitarbeitenden geschieht nicht von alleine und nicht durch die (einmalige) Vermittlung von Informationen oder Verweise auf Qualitätshandbücher oder auf Indikatoren wie „Teambindung“. Dazu bedarf es bewusster Rahmengestaltung durch Leitung. Im praktischen täglichen Leitungshandeln geht dieses Wissen manchmal verloren. Zum Teil ist diese Synchronisierung – also die entsprechende Rahmgestaltung – nach meiner Erfahrung immer noch ein blinder Fleck – und somit  eine zentrale Herausforderung für Führungskräfte. 

Ich sehe hier für die Supervision eine spannende, den Strategieprozess unterstützende Aufgabe. 



Familientherapie - Systemische Methoden im Wandel

11.01.2018 

Am 27. Dezember 2017 brachte SWR2 in seiner Reihe „Wissen“ einen informativen und eindrücklichen Beitrag zur systemischen Familientherapie. Darin kommen u.a. Tom Levold, Familientherapeut aus Köln und Herausgeber von systemagazin und Dr. Bernd Schumacher, vielen unserer Teilnehmer*innen aus seinen Seminaren am Institut bekannt, zu Wort. Sehr empfehlenswert! Hier können Sie den Beitrag hören.



Systemische Therapie als Kassenleistung

Das IQWiG veröffentlicht den Abschlussbericht zum Nutzen systemischer Therapie 

von Sebastian Baumann und Kerstin Dittrich

13.12.2017 

Lange und mit Spannung haben viele SystemikerInnen ebenso wie die SG und die DGSF auf den Bericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) gewartet. Ende Juli war es nun soweit: Auf fast 900 Seiten breitet das IQWiG seine Ergebnisse zu der bis dahin umfangreichsten Literaturrecherche zur Systemischen Therapie aus. Über 3000 Studien wurden im Volltext gesichtet. Dem Mantra evidenzbasierter Medizin folgend wurden dann nur die 42 „methodisch hochwertigsten“ Studien berücksichtigt – allesamt randomisiert-kontrollierte (RCT) Studien. Die Ergebnisse können sich mehr als sehen lassen: In sieben von neun Störungsbereichen lagen „Anhaltspunkte“ oder „Hinweise“ – so die Nomenklatur des IQWiG – für einen Nutzen Systemischer Therapie vor. Darunter finden sich mit Angst- und Zwangsstörungen sowie affektiven Störungen die beiden Bereiche, für die sich laut Richtlinie unbedingt ein Nutzen zeigen muss, wenn ein Psychotherapieverfahren die Hürde der Kassenfinanzierung nehmen möchte. Dieses Ergebnis wird sicherlich auf das gesamte systemische Feld ausstrahlen.

Eine Gesamtabwägung zwischen Nutzen und Schaden lieferte das IQWiG nicht, weil psychotherapeutische Studien generell kaum Daten zu unerwünschten Ereignissen und Nebenwirkungen liefern. Damit weist das IQWiG auf einen Bereich hin, der in Zukunft sicherlich stärker in Studien zu den Effekten von Psychotherapie mit erhoben werden muss: Warum profitieren manche Menschen nicht oder wenig von Psychotherapie? Bei welchen Menschen führt es sogar zu einer Verschlechterung ihrer Situation und welche Verhaltensweisen von TherapeutInnen schaden KlientInnen?

Wie geht es nun weiter?

Der Ball liegt nun im Spielfeld des Gemeinsamen Bundesausschusses, dem Selbstverwaltungsorgan von Krankenkassen, Krankenhäusern, ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen, der nach einer Bewertung des IQWiG-Ergebnisses noch einmal ein Stellungnahmeverfahren eröffnen wird und dann zur Entscheidung kommt, ob Systemische Therapie für Erwachsene in Zukunft von den Krankenkassen bezahlt wird oder nicht. Neben den Studienergebnissen fallen hier vor allem gesundheitspolitische Motive ins Gewicht. Mit einer Entscheidung ist ab Juni 2018 zu rechnen. Fragen der Ressourcenverteilung – mehr noch als psychotherapeutisch-fachliche Fragen – wer denn hier erfahrungsgemäß eine besondere Rolle spielen.

Die Bundespsychotherapeutenkammer sieht mit dem IQWiG-Bericht die erforderliche Grundlage für eine sozialrechtliche Anerkennung Systemischer Therapie für gegeben (bptk.de/aktuell/ einzelseite/artikel/wirksamkeit-1.html).

Und was ist mit Systemischer Kinder- und Jugendlichentherapie?

Ein Prüfantrag lässt sich nur aus dem G-BA selbst stellen, weswegen wir darauf angewiesen sind, dass einer der oben genannten Träger des G-BA in dieser Richtung aktiv wird. Hierzu führen wir bereits Gespräche.

Wer wird mit den Krankenkassen abrechnen können?

Wenn die Entscheidung zugunsten der sozialrechtliche Anerkennung Systemischer Therapie erfolgt, werden nur approbierte Systemische TherapeutInnen mit einem Kassensitz mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen können. Um die Approbation zu erlangen, muss eine vollständige Approbationsausbildung absolviert werden. Ob Vorleistungen anerkannt werden, entscheiden die Landesprüfungsämter. Nach den bisherigen Erfahrungen geschieht das nur in geringem Maße.

Bis es eine bundesweit flächendeckende Versorgung mit Systemischer Therapie über Kassensitze geben wird, werden noch einige Jahre vergehen. Die Befürchtung, dass approbierte Systemische PsychotherapeutInnen mit Kassensitz den Systemischen TherapeutInnen ohne Approbation Konkurrenz machen, teilen wir deshalb für die nächsten 10-20 Jahre nicht. Diese Konkurrenz kann man kritisch sehen, andererseits suchen auch SystemikerInnen häufig kassenfinanzierte Therapieplätze, um weniger finanzstarken KlientInnen den Zugang zur Systemischen Therapie zu ermöglichen. Das zeigen z.B. viele Anfragen im SG-Forum.

Viele weitere Antworten auf Fragen zur Anerkennung Systemischer Therapie als Kassenleistung finden Sie in unseren FAQ unter https://systemische-gesellschaft.de/verband/aufgaben/berufspolitik/faq/

Sebastian Baumann ist der SG-Vorstandsbeauftragte Psychotherapie, Kerstin Dittrich die Fachreferentin Gesundheitspolitik der DGSF

 



Einwirkungen und Auswirkungen - Interview

mit Claudia Kockrow, Absolventin unserer Weiterbildung Systemische (Familien-)Therapie und Beratung

06.12.2017  

Andreas Wahlster (AW):

Ich freue mich, dass wir Gelegenheit haben, über deine Erfahrungen in der Weiterbildung zur systemischen Therapeutin zu sprechen. Für uns ist selten Gelegenheit, von Euch als den sog. Ehemaligen zu erfahren, welche Erfahrungen ihr während und nach der Weiterbildung gemacht habt.

Welches Erlebnis oder welche Begebenheit illustriert am besten deine Entwicklung in und nach der Weiterbildung?

Claudia Kockrow (CK)

Ich war extrem beeindruckt von der Weiterbildung. Ich war bereits viele Jahre zuvor mit dem systemischen Ansatz in Berührung gekommen, und die systemische Haltung war für mich in meinem Leben und Denken seither sehr zentral. Daher wollte ich unbedingt diese Ausbildung machen. Dabei dachte ich, ich lerne „Handwerkszeug“, wie man damit arbeitet. Dass ich dabei auf ganz wesentliche persönliche Themen stoße und sie so bearbeite, dass sich meine Lebensqualität, die ich eigentlich für ziemlich gut gehalten habe, deutlich hin zu einem ganz neuen Level entwickelt, hätte ich niemals erwartet. 

AW:

Das bringt mich zu einer nächsten Frage: Auf welche Weise hat sich die Weiterbildung auf dein Leben ausgewirkt?

CK:

Ich bin wesentlich selbstsicherer geworden. Beruflich konnte ich vieles Neues entdecken und habe gelernt, dass Psychotherapie nicht „schwer“ sein muss, weder für den Patienten, noch für den Therapeuten. Heute gehe ich in den meisten Fällen mit mehr Energie aus meinen therapeutischen Sitzungen hinaus als ich hinein gegangen bin. Und das ist kein Film, der sich nur in meinem Kopf abspielt – die Patienten melden mir sehr Positives zurück.

Aber auch auf mein Familienleben hatte die Weiterbildung große Wirkung. Ich war bei vielen Themen sehr „verkrampft“, habe mir selbst starken Druck aufgebaut: Über viele Jahre war ich in verschiedenen Bereichen ehrenamtlich tätig. Bei sozialen Problemen dachte ich sofort: „Da musst Du doch was tun“, und es war wie ein Zwang, mich einzusetzen, was ich oft auch körperlich sehr unangenehm gespürt habe. Heute denke ich das auch noch, aber mit einer entspannteren Haltung. Das ist nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie sehr angenehm. Ich bin innerlich wesentlich ruhiger geworden. Und das genieße ich, es ist ein wunderbares Gefühl.

AW:

Was hat dich in der Weiterbildung überrascht?

CK:

Ich habe es schon angeschnitten, ich habe ehrlich eine ganz andere Lebensqualität. Die erste Selbsterfahrungswoche war für mich ein Schlüsselerlebnis. Ich habe dort viele Entdeckungen gemacht, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Nachdem ich ohne Erwartungen angereist war, hatte ich bei manchen Aufgabenstellungen am Anfang der Woche große Befürchtungen. Wie Ingrid (Ingrid Voßler) und Du damit umgegangen seid, das hat mich sehr berührt und beruhigt. Das durfte alles sein und ich bekam wieder Boden unter die Füße. Und dass Festes – was man gar nicht als Problem erkannt hat - sich löst, wie sich das anfühlt und welche Folgen das haben kann, war eine unglaubliche und sehr wertvolle Erfahrung!

A.W.

Was glaubst du, woran konnten deine Klient*innen deinen Veränderungsprozess erkennen?

CK:

Ich probiere mehr aus, bin sicherer geworden bei dem, was ich tue, habe eine viel größere therapeutische Vielfalt, mit der ich mich auf den einzelnen Patienten einstellen kann. Und meine Kreativität hat sich entwickelt. Heute arbeite ich gerne mit Visualisierungs- und Körperübungen, eben allem, was mit Imagination zu tun hat, besonders auch mit Metaphern – dazu hatten wir ein wunderbares Seminar!

AW:

Was hat Dir in der Weiterbildung nicht so gefallen oder Dich gar gestört?

CK:

Der Wechsel der Lehrtherapeuten zum zweiten Jahr hin war für die Gruppe nicht einfach. Die Übergänge beim Wechsel der Lehrenden in den Weiterbildungsabschnitten achtsam zu gestalten ist ganz wichtig. Für uns Weiterbildungsteilnehmer*innen waren manche Übergänge ein kleiner 'Kulturschock', mit zum Teil erheblichen Auswirkungen auf die Gruppendynamik. Das war in der akuten Phase sehr belastend. Im Nachhinein aber auch eine Erfahrung zu sehen, wie wesentlich die Beziehungsgestaltung von Lehrtherapeut zu den Lernenden ist, und welche Faktoren zu 'Störwellen' führen können. Beeindruckend war, wie Du das mit uns als Gruppe aufgearbeitet hast, sodass wir wieder in einen konstruktiven Arbeitsprozess kommen konnten. Das lässt sich ja auch auf eigene therapeutische Prozesse oder andere berufliche Projekte übertragen und ist, letzten Endes, auch wieder eine sehr wertvolle Erfahrung.

AW:

Ich danke Dir für deine Rückmeldung und schließe an mit der Frage, was sollte als Weiterbildungsinhalt evtl. noch hinzukommen oder ersetzt werden?

CK:

Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir nach der Weiterbildung Gelegenheit zur Supervision bekämen. Der besondere Gewinn wäre dabei, dass sich die Lehrenden und wir bereits kennen und somit in einer vertrauten Atmosphäre arbeiten könnten. Es macht Sinn, dazu auch ehemalige Absolvent*innen direkt anzusprechen.

AW:

Was denkst Du, worüber sollten wir noch sprechen, was bisher noch nicht zur Sprache kam?

CK:

Hab ich einen Wunsch frei? Dann würde ich mir wünschen, dass Ihr noch das ein oder andere 'Aufbaumodul' in Form eines die 3-jährige Ausbildung erweiternden Curriculums entwickelt – viele in der Gruppe hätten gerne weitergemacht mit der Weiterbildung. Es gab noch so viele spannende Themen, und die Qualität Eurer Seminare und die der von Euch eingeladenen Referenten war wirklich sehr gut. Ich habe da einigen Vergleich! Vielleicht auch im Blick auf die potentielle sozialrechtliche Anerkennung. Denn andere werden ein erweitertes Curriculum anbieten, egal wie man zur Kompatibilität von Systemischer Therapie und Abrechnung mit den Krankenkassen steht. Und dann fände ich ganz wichtig, dass klar vermittelt wird, dass das Systemische Denken eine Haltung ist, die man nicht wie einen Kittel vor seiner Sprechstundentür an- und beim Verlassen wieder auszieht. Die Gefahr, dass das untergeht, sehe ich leider, denn mein Eindruck ist: Nicht überall, wo „systemisch“ draufsteht, ist auch „systemisch“ drin. Und diese Haltung habt Ihr uns sehr eindrücklich vermittelt. Ein sehr großer Gewinn!

AW: Liebe Claudia, herzlichen Dank für unser Gespräch.


Bei schweren Krankheiten nach Wundern fragen? 
26.10.2017

von Dagmar Mihr

„Das geht doch nicht. Man kann doch keiner Todkranken mit der Wunderfrage kommen!“ Auffallend häufig werde ich gefragt, ob und wie man denn die Wunderfrage in der systemischen Therapie mit Schwer- oder gar Todkranken einsetzen kann. Eine Kollegin meinte, dass es doch regelrecht unmoralisch sei, sie in diesem Kontext zu nutzen. Das macht schnell deutlich, dass es da ein grundlegendes Missverständnis gibt. Die Wunderfrage in der systemischen Arbeit mit Schwer- oder gar Todkranken bezieht sich nicht auf das Wunder „Wie wird mein Leben ohne Krankheit sein“, was verstehbarer Weise eine häufige Sehnsucht der Erkrankten ist oder wäre, wenn man danach fragte. Die Wunderfrage kann und darf sich nur auf das Leben mit der Krankheit und ihren Auswirkungen beziehen. Ein Beispiel: Thema des Therapiesitzung ist die Sehnsucht einer Klientin trotz Krankheit mehr Sozialkontakte zu haben. Sie möchte ihren Freundinnen häufiger ihre Bedürftigkeit nach Kontakt zeigen. Das ist gewissermaßen ein Wagnis, such bedürftig zeigen und nicht in der Hand haben, wie die Freundinnen reagieren. Dann könnte sich die Wunderfrage genau darauf beziehen. Etwa so:„Angenommen heute Nacht geschieht ein Wunder. Sie stehen morgen in der Früh auf, wissen selbst noch nicht, dass das Wunder geschehen ist? Woran fällt es ihnen auf, dass sie ihre Bedürftigkeit zeigen können? An was merken sie zuerst, dass sich das Wunder vollzogen hat? Wie verhalten sie sich jetzt, wo das Wunder geschehen ist?“  Und eine mögliche Antwort der Klientin könnte sein: „Obwohl ich weine, nehme ich den Telefonhörer in die Hand, rufe meine Freundin an und bitte sie mit mir zu frühstücken. Ich mute mich ihr heulend zu und sage, dass ich nicht allein sein mag. Und - ich schäme mich nicht dafür.“Eine schwere Erkrankung ist da, sie lässt sich nicht externalisieren und verschwindet in der Regel nicht dadurch, dass wir uns anders verhalten. Das gilt es zu akzeptierten - auch von uns TherapeutInnen. 


Council, die Erfahrung des Kreises
30.08.2017

von Ute Sauerzapf

Vor 6 Jahren lernte ich im Zuge einer Visionssuche „The way of council“ kennen. Diese besondere Form des Austauschs, des Sich-zeigens, aber auch des Sich-dem-Gegenüber-zuwendens haben mich schon damals beeindruckt, beglückt und bereichert. 

Als ich vor einigen Wochen von einer Jugendhilfe- Einrichtung angefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte den ins Stocken gekommene Dialog zwischen Pädagogen und Jugendlichen nach einer Missbrauchserfahrung zu moderieren, entschloss ich mich dies in dieser archaischen Form des Austauschs zu tun. Meine Intention dabei war, schon mit dem Setting und der Rahmung einen Unterschied zu dem zu machen, was sie gewohnt waren. Gewohnt waren sie in einem Raum an Tischen sitzend zu sprechen und sich dabei gegenseitig in Frage zu stellen oder aber den Dialog überhaupt zu verweigern. Mein Auftrag lautete, die Beteiligten miteinander ins Gespräch zu bringen, so dass gegenseitige Verständigung möglich würde. Als weiteren Schritt war perspektivisch angedacht dann gemeinsam zu entscheiden, ob und wie ein weiteres Zusammenleben gewährleistet werden könnte. 
Wichtig war meinem Auftraggeber auch, dass jeder der Jugendlichen sich äußern sollte.

Was bedeutet „Council“?
Im „Council“, zu sitzen bedeutet im Kreis zu sitzen, ursprünglich in der Natur – und „miteinander Rat zu halten“. Es ist eine gewaltfreie Kommunikationsform, die das Zuhören mehr  in den Mittelpunkt stellt als das Reden. Teilnehmende sitzen dabei im Kreis um eine Mitte und verwenden einen Gegenstand der anzeigt, wer spricht. Es gelten in diesem Kreis, der einen klaren Anfang und ein klares Ende hat, folgende Richtlinien: 

Sprich vom Herzen her

Höre vom Herzen her zu

Sei spontan

Sprich wesentlich

Sprich aus, was sowohl dir als auch dem Kreis und dem großen Ganzen dient

Erzähle von dir, nicht über etwas oder jemanden

Es gilt die Verschwiegenheits- bzw. Vertraulichkeitsregel: Was im Kreis gesagt wird, bleibt im Kreis. 
Ein Council hat durch diese Rahmung einen zeremoniellen Charakter und ist Ausdruck einer Haltung die Präsenz und Achtsamkeit in die Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zur Natur bewirkt. Es richtet sich auf Verständigung und das Finden von Antworten, die in der Gruppe angelegt sind aus.

Es war früher Abend als ich zu der Wohngruppe fuhr, die Sonne schien und es war warm – optimale Bedingungen für einen Council unter freiem Himmel. Da ich darauf eingestellt war, sowohl die Pädagogen als auch die Jugendlichen mit meiner Aufforderung im Garten in einem Kreis Platz zu nehmen zu irritieren, konnte ich gut bei meinem Vorhaben, bleiben, auch als diese sich wunderten. Schließlich saßen wir alle in einem Kreis zusammen, die einen auf Decken am Boden, andere auf niedrigen Klappstühlen. Ich bedankte mich dafür, dass sich alle auf „etwas Ungewöhnliches“ eingelassen hatten und stellte dann vor, in welcher Form sie nun miteinander in einen Austausch gehen sollten. Auch die Richtlinien im Council stellte ich vor und gab anschließend kurz Raum für Nach- und Verständnisfragen, bis ich den Eindruck hatte, dass wir eine Art „Kontrakt“ geschlossen hatten, auf den sich alle einlassen konnten. Ich legte einige Redegegenstände in die Mitte und der Council war eröffnet. Wir alle saßen nun in der Abendsonne auf einer Wiese, Blumen um uns herum, über uns der Himmel und manchmal wehte ein sanfter Wind. Wir saßen im Kreis – still, schweigend und aufmerksam – bis einer einen der Redegegenstände in die Hand nahm – und zu sprechen begann…..

Besonders für die Jugendlichen, so mein Eindruck, war es anfangs nicht leicht alleine vor dieser „geballten“ Aufmerksamkeit der Gruppe auf diese Weise zu sprechen und selbst auch wirklich zuzuhören. Einige Male musste ich Zwischenbemerkungen oder das Ansprechen an Einzelne unterbinden. Mehr und mehr ließen sich alle darauf ein. Es war eine bewegende Erfahrung für mich zu erleben wie jede einzelne Stimme gehört wurde, wie Stille sein durfte, wie Insekten um uns summten, wie Hunde bellten und all dies gehört wurde. Die anfängliche eher angespannte und misstrauische Stimmung wich einer Entspannung und einem Frieden, den ich so nicht für möglich gehalten hatte. 
Nachdem jeder gesprochen hatte und gehört worden war, fasste eine der Jugendlichen zusammen, was für sie deutlich geworden war und machte einen Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Dieser Vorschlag musste noch weiterentwickelt werden, bis sich alle darin wiederfinden und dem zustimmen konnten – und dann eine einstweilige Entscheidung getroffen werden konnte. 
4 Wochen später schrieb mich die Wohngruppe erneut an. Die Jugendlichen hatten den Wunsch geäußert ein weiteres Mal miteinander „zu Rate zu sitzen“ – und fragten, ob ich sie dabei nochmals unterstützen würde….

Literaturempfehlung:Jack Zimmermann, Virginia Coyle: Der große Rat, Das Council – mit dem Herzen hören und sprechen, den Kreis erweitern Arbor Verlag, ISBN 978-3-936855 


Systemische Therapie bei KrebspatientInnen 

01.08.2017 

Von Dagmar Mihr

Ich bin systemische Therapeutin und arbeite auch als Psychoonkologin. Ein Berufsfeld, das vielen noch gar nicht bekannt ist. Das bedeutet ich arbeite mit Frauen, Männern und manchmal auch deren Familien, wenn eine/r an Krebs erkrankt ist. Es ist eine wertvolle und beeindruckende Arbeit und es ist eine Arbeit, die sich oft sehr viel mehr mit dem Leben beschäftigt als mit dem Sterben. Das Leben gestalten, im Angesicht einer existenziellen Bedrohung erfordert eine Unmenge an Mut. Und nie zuvor sind mir so viele Menschen mit Mut begegnet, wie in dieser Arbeit.

Für mich sind sie mutig, obwohl sie Angst haben. Oft sogar furchtbare Angst. Mutig, weil sie wagen Therapien zu machen, die extrem viel von ihnen verlangen, die sie ein- und beschränken. Manchmal sogar lebenslang. Mutig sind auch die, die sich gegen eine Therapie entscheiden, weil ihnen das noch zu lebende Leben so wertvoller erscheint. 

Eine Klientin mit Brustkrebs kommt mir da in den Sinn. Ende 70 ist sie und der Krebs ist schon zur Diagnosestellung in Knochen, Leber und Lunge. Vor Aufregung zitternd sitzt sie mir entschlossen gegenüber. Sie will keine Therapie machen, sie will die bleibende Zeit nutzen, so gut es geht. Meine Unterstützung möchte sie, weil sie nicht sicher ist, wie sie das ihren Töchtern beibringen kann.  Sie will deren Begleitung und Akzeptanz bei diesem Weg. Wir führen ein klassisch systemisches Familiengespräch, in dem es ihr durch meine Fragen gelingt ihren Wunsch zu formulieren und es Raum für ihre und die Gefühle der Töchter gibt. Gemeinsam verabreden sie die nächsten Schritte.

Oder eine andere Klientin, die mit Mitte 50 unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist. Sie ringt mit der Frage, ob sie mit ihrem Mann zusammen bleiben will, obwohl sie unglücklich ist- sich aber jetzt ja todkrank nicht trennen kann. Die Auseinandersetzung bewegt sich an der Frage : unglücklich aber zu zweit oder lieber allein mit der Chance auf Glück. Über eine systemische Tetralemmaaufstellung findet sie zur Gewissheit bleiben zu wollen, trennt sich nach anderthalb Jahren dann doch, weil sie inzwischen mit fortschreitender Erkrankung die kostbare bleibende Lebenszeit nicht unglücklich verbringen will. Sie tut es und erlebt eine krisenhafte Zeit und ist dennoch bis heute in der Gewissheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. 

Und ein anderer Klient mit fortgeschrittenem Gallengangskrebs. Er hat große Ängste beim Gedanken an sein Ende. Diese Angst lähmt ihn oft, macht ihn handlungsunfähig, unfähig auch die schönen Dinge zu genießen.  Mit ihm arbeite ich mit einer Timeline, die ihn vom Ende her zum Jetzt schauen lässt. Dort, am Ende stehend, wird er ruhig und kann ohne Angst zum Jetzt schauen. Von hier aus gelingt es ihm plötzlich Ideen für das zu entwickeln, was er tun und erleben will- auf der Strecke vom Jetzt zum Ende.

Oder Frau A., deren größte Ressource der Gesang ist. Sie drückt ihr aktuelles Befinden und auch ihr Ziel zuerst in Tönen aus.  Findet darüber dann die Worte. Sogar beim zirkulären Fragen beschreibt sie die Reaktion ihrer Tochter auf ihre eigene Angst vor der Nachuntersuchung mit Tönen. Und immer wieder singen und tönen wir gemeinsam- das Lied, das sie mit Mut und Hoffnung erfüllt.

Nein, nicht alle Krebserkrankten müssen sterben. Viele kommen auch vorrübergehend, profitieren von der ressourcenorientierten Arbeit und verabschieden sich wieder.

Systemisches Denken und Handeln ist eine hervorragende Möglichkeit zur Begleitung  an Krebs erkrankter Menschen, für die Erkrankten und für die Begleiter.  Zu wissen, ich „begleite“ und auch im Angesicht dieser Krankheit und sogar im Angesicht des Todes bleibt jede Entscheidung, jedes „was will ich und wo will ich in dieser Begleitung hin“ beim Klienten. Ich bin Begleiterin und helfe Ziele zu entwickeln und auch umzusetzen. Ziele von kranken und auch sterbenden Menschen.Erreichbare Ziele entwickeln und an ihrer Umsetzung arbeiten macht häufig die Angst kleiner, auch in dieser Phase des Lebens.


Systemische Traumapädagogik - Traumasensible Begleitung und Beratung in psychosozialen Arbeisfeldern

17.07.2017 

Renate Jegodtka und Peter Luitjens aus Weyhe bei Bremen, die viele unserer TeilnehmerInnen aus der Weiterbildung Traumapädagogik und Traumafachberatung kennen und schätzen gelernt haben, haben ein sehr lesenswertes Buch mit dem Titel: Systemische Traumapädagogik –Traumasensible Begleitung und Beratung in psychosozialen Arbeitsfeldern geschrieben. Andreas Wahlster hatte das Vergnügen, dieses Buch zu rezensieren. 
Hier Auszüge daraus:

Zu Beginn wird der inhaltliche Aufbau des Buches dargestellt und ermöglicht so der LeserIn eine inhaltliche Orientierung, bereits hier wird die langjährige Erfahrung der AutorInnen als Lehrende und PraktikerInnen deutlich.Ein systemisches Verständnis von traumatischen Prozessen wird vorgestellt, die AutorInnen nehmen dazu folgende Frage als Ausgangspunkt: 
„Wie wirken (überwältigte und überwältigende) Menschen als konkret handelnde Personen und andere konkrete Personen z.B. PädagogInnen, BeraterInnen, Eltern), deren soziale Umfelder (z.B. Wohngruppe, Schule, Jugendamt), die ökonomischen, gesellschaftlichen Bedingungen usw. aufeinander ein? “Als theoretische Folie dient dazu das ökosystemische Modell der Systemebenen von Bronfenbrenner. Der Einbezug des Konzeptes der Salutogenese nach Antonovsky erweitert das ausschließliche Aufsetzen der „Traumabrille“ hin zu einer Sicht durch eine „Gleitsichtbrille“ , dadurch werden sowohl die „gekränkte Seite“ als auch „die Seite des gesunden Seins“ gesehen.

Ausführlich widmet sich das Buch der Darstellung verschiedener Erklärungsansätze von traumatischen Prozessen und ihrer Genese und den Implikationen psychiatrischer Diagnostik. Die AutorInnen verstehen traumatisches Geschehen gerade nicht als eine individuelle Störung von Krankheitswert, sondern vielmehr als einen „nachhaltigen Eingriff in das Kohärenzgefühl.“ Diese Hypothese wird sehr plausibel begründet und anhand immer wieder eingestreuter Fallvignetten anschaulich dargestellt. Ihrem theoretischen Rahmen konsequent folgend stellen Jegodtka und Luitjens ausführlich die Phasen des Davor und Danach eines traumatischen Prozesses vor, dem schließt sich eine erhellende differenzierte Darstellung zum „Zusammenspiel desdrei-einigen Gehirns“ an.

Dem großen Abschnitt des Buches zu Handlungskonzepten systemischer Traumaarbeit stellen die AutorInnen kontextübergreifende handlungsleitende Ziele voran. Jetzt wird es praktisch und durchaus auch politisch, wenn systemische Traumaarbeit u.a. formuliert, „den zentralen Wirkungen psychosozialer Traumatisierungen entgegen [zu]wirken“ sowie ein weiteres Ziel anstrebt: „Gesundes Sein trotz widriger Arbeitsumstände – Prävention Sekundärer Traumatisierung“. Der praktische Erfahrungsschatz der AutorInnen wird nun fast zum Händegreifen konkret erlebbar, wenn z.B. „traumasensibles Yoga“ als körperorientierte Erweiterung des Handlungsrepertoires erläutert wird, besonders beeindruckend hier der selbstheilende Aspekt der Einflussnahme sowie die Etablierung von „Empowerment durch die Möglichkeit der Wahl“.

Weiter werden anhand des Konzeptes der „Teilpersönlichkeiten“ Methoden der Teilearbeit gezeigt. Fortgesetzt wird diese Darstellung mit sehr anschaulichen Beispielen systemischer Traumaarbeit in verschiedenen Kontexten der Jugendhilfe. Deutlich arbeiten die Autorinnen am Beispiel von Gewalt zwischen Eltern heraus, wie sich traumatischer Stress in Familien etablieren kann und mehrgenerational „weitergegeben“ wird. Konkrete systemische Vorgehensweisen im Umgang mit Gewalt in Familien werden vorgestellt, z.B. explizite Nichtneutralität gegenüber der Gewalt, hingegen Neugier und Interesse für die begünstigenden Faktoren zur Entstehung von Gewalt……..

Selbst als fachkundiger Leser mag man über das abschließende Kapitel erstaunt sein, es trägt die Überschrift: „Systemische Traumaarbeit – Berufsrisiko Sekundäre Traumatisierung“. Spätestens beim Lesen wird die Relevanz des Kapitels deutlich. Es werden die Risiken für psychosoziale Fachkräfte in der Arbeit mit traumatisierten Menschen vorgestellt, die Autorinnen erläutern Konzepte Sekundärer Traumatisierung und formulieren schließlich Vorschläge und Anforderungen für Organisationen und Fachkräfte, wie „den zentralen Wirkungen psychosozialer Traumatisierungen entgegen [gewirkt ]“ werden kann……..

Die Idee zu diesem Buch wird von den Autorinnen im Vorwort erzählt, es eröffnet zugleich Einblick in ihre persönliche Motivation. Ein Auszug:„ Aufgewachsen im Nachkriegs(west)deutschland waren für uns die Folgen von Trauma und soziopolitischer Gewalt sowohl im sozialen Umfeld zu sehen, zu hören und zu spüren als auch Bestandteil der familienbiografischen Erfahrung. Sie prägten unsere Sicht auf die Welt. Bleibende Eindrücke haben später erste studienbegleitende berufliche Erfahrungen zu Beginn der 1970er Jahre hinterlassen: die stationäre Unterbringung von Jugendlichen in einem Heim, das von den Auswirkungen der Heimkampagne noch gänzlich unberührt war – große Gruppen, wenig und schlecht ausgebildetes Personal, Erziehung mit rigiden und auch gewalttätigen Erziehungsmethoden“. Es ist also auch ein politisches Buch, es wirbt für eine Haltung des unbedingten Respekts gegenüber den Klientinnen und ihren Geschichten. Die Zugewandtheit der Autorinnen ist förmlich zu spüren, ebenso beeindruckend ein von großer Praxiserfahrung untermauertes Methodenrepertoire Das Buch ist leicht zu lesen, sein Inhalt ist es mitunter nicht. Umso mehr gratuliere ich Renate Jegodtka und Peter Luitjens zu diesem hervorragenden Buch und kann es mit großer Überzeugung empfehlen. 


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