Modus:
 

Tradition ist nicht das Festhalten
an der Asche,  
sondern das Weitergeben
des Feuers.

(Thomas Morus)

Systemische Bonbons

Hier können Sie nach Herzenslust stöbern und probieren, sicher ist auch für Sie etwas dabei. Viel Spaß damit!


 

Einwirkungen und Auswirkungen - Interview

mit Claudia Kockrow, Absolventin unserer Weiterbildung Systemische (Familien-)Therapie und Beratung

06.12.2017  

Andreas Wahlster (AW):

Ich freue mich, dass wir Gelegenheit haben, über deine Erfahrungen in der Weiterbildung zur systemischen Therapeutin zu sprechen. Für uns ist selten Gelegenheit, von Euch als den sog. Ehemaligen zu erfahren, welche Erfahrungen ihr während und nach der Weiterbildung gemacht habt.

Welches Erlebnis oder welche Begebenheit illustriert am besten deine Entwicklung in und nach der Weiterbildung?

Claudia Kockrow (CK)

Ich war extrem beeindruckt von der Weiterbildung. Ich war bereits viele Jahre zuvor mit dem systemischen Ansatz in Berührung gekommen, und die systemische Haltung war für mich in meinem Leben und Denken seither sehr zentral. Daher wollte ich unbedingt diese Ausbildung machen. Dabei dachte ich, ich lerne „Handwerkszeug“, wie man damit arbeitet. Dass ich dabei auf ganz wesentliche persönliche Themen stoße und sie so bearbeite, dass sich meine Lebensqualität, die ich eigentlich für ziemlich gut gehalten habe, deutlich hin zu einem ganz neuen Level entwickelt, hätte ich niemals erwartet. 

AW:

Das bringt mich zu einer nächsten Frage: Auf welche Weise hat sich die Weiterbildung auf dein Leben ausgewirkt?

CK:

Ich bin wesentlich selbstsicherer geworden. Beruflich konnte ich vieles Neues entdecken und habe gelernt, dass Psychotherapie nicht „schwer“ sein muss, weder für den Patienten, noch für den Therapeuten. Heute gehe ich in den meisten Fällen mit mehr Energie aus meinen therapeutischen Sitzungen hinaus als ich hinein gegangen bin. Und das ist kein Film, der sich nur in meinem Kopf abspielt – die Patienten melden mir sehr Positives zurück.

Aber auch auf mein Familienleben hatte die Weiterbildung große Wirkung. Ich war bei vielen Themen sehr „verkrampft“, habe mir selbst starken Druck aufgebaut: Über viele Jahre war ich in verschiedenen Bereichen ehrenamtlich tätig. Bei sozialen Problemen dachte ich sofort: „Da musst Du doch was tun“, und es war wie ein Zwang, mich einzusetzen, was ich oft auch körperlich sehr unangenehm gespürt habe. Heute denke ich das auch noch, aber mit einer entspannteren Haltung. Das ist nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie sehr angenehm. Ich bin innerlich wesentlich ruhiger geworden. Und das genieße ich, es ist ein wunderbares Gefühl.

AW:

Was hat dich in der Weiterbildung überrascht?

CK:

Ich habe es schon angeschnitten, ich habe ehrlich eine ganz andere Lebensqualität. Die erste Selbsterfahrungswoche war für mich ein Schlüsselerlebnis. Ich habe dort viele Entdeckungen gemacht, mit denen ich nicht gerechnet hätte. Nachdem ich ohne Erwartungen angereist war, hatte ich bei manchen Aufgabenstellungen am Anfang der Woche große Befürchtungen. Wie Ingrid (Ingrid Voßler) und Du damit umgegangen seid, das hat mich sehr berührt und beruhigt. Das durfte alles sein und ich bekam wieder Boden unter die Füße. Und dass Festes – was man gar nicht als Problem erkannt hat - sich löst, wie sich das anfühlt und welche Folgen das haben kann, war eine unglaubliche und sehr wertvolle Erfahrung!

A.W.

Was glaubst du, woran konnten deine Klient*innen deinen Veränderungsprozess erkennen?

CK:

Ich probiere mehr aus, bin sicherer geworden bei dem, was ich tue, habe eine viel größere therapeutische Vielfalt, mit der ich mich auf den einzelnen Patienten einstellen kann. Und meine Kreativität hat sich entwickelt. Heute arbeite ich gerne mit Visualisierungs- und Körperübungen, eben allem, was mit Imagination zu tun hat, besonders auch mit Metaphern – dazu hatten wir ein wunderbares Seminar!

AW:

Was hat Dir in der Weiterbildung nicht so gefallen oder Dich gar gestört?

CK:

Der Wechsel der Lehrtherapeuten zum zweiten Jahr hin war für die Gruppe nicht einfach. Die Übergänge beim Wechsel der Lehrenden in den Weiterbildungsabschnitten achtsam zu gestalten ist ganz wichtig. Für uns Weiterbildungsteilnehmer*innen waren manche Übergänge ein kleiner 'Kulturschock', mit zum Teil erheblichen Auswirkungen auf die Gruppendynamik. Das war in der akuten Phase sehr belastend. Im Nachhinein aber auch eine Erfahrung zu sehen, wie wesentlich die Beziehungsgestaltung von Lehrtherapeut zu den Lernenden ist, und welche Faktoren zu 'Störwellen' führen können. Beeindruckend war, wie Du das mit uns als Gruppe aufgearbeitet hast, sodass wir wieder in einen konstruktiven Arbeitsprozess kommen konnten. Das lässt sich ja auch auf eigene therapeutische Prozesse oder andere berufliche Projekte übertragen und ist, letzten Endes, auch wieder eine sehr wertvolle Erfahrung.

AW:

Ich danke Dir für deine Rückmeldung und schließe an mit der Frage, was sollte als Weiterbildungsinhalt evtl. noch hinzukommen oder ersetzt werden?

CK:

Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir nach der Weiterbildung Gelegenheit zur Supervision bekämen. Der besondere Gewinn wäre dabei, dass sich die Lehrenden und wir bereits kennen und somit in einer vertrauten Atmosphäre arbeiten könnten. Es macht Sinn, dazu auch ehemalige Absolvent*innen direkt anzusprechen.

AW:

Was denkst Du, worüber sollten wir noch sprechen, was bisher noch nicht zur Sprache kam?

CK:

Hab ich einen Wunsch frei? Dann würde ich mir wünschen, dass Ihr noch das ein oder andere 'Aufbaumodul' in Form eines die 3-jährige Ausbildung erweiternden Curriculums entwickelt – viele in der Gruppe hätten gerne weitergemacht mit der Weiterbildung. Es gab noch so viele spannende Themen, und die Qualität Eurer Seminare und die der von Euch eingeladenen Referenten war wirklich sehr gut. Ich habe da einigen Vergleich! Vielleicht auch im Blick auf die potentielle sozialrechtliche Anerkennung. Denn andere werden ein erweitertes Curriculum anbieten, egal wie man zur Kompatibilität von Systemischer Therapie und Abrechnung mit den Krankenkassen steht. Und dann fände ich ganz wichtig, dass klar vermittelt wird, dass das Systemische Denken eine Haltung ist, die man nicht wie einen Kittel vor seiner Sprechstundentür an- und beim Verlassen wieder auszieht. Die Gefahr, dass das untergeht, sehe ich leider, denn mein Eindruck ist: Nicht überall, wo „systemisch“ draufsteht, ist auch „systemisch“ drin. Und diese Haltung habt Ihr uns sehr eindrücklich vermittelt. Ein sehr großer Gewinn!

AW: Liebe Claudia, herzlichen Dank für unser Gespräch.


Bei schweren Krankheiten nach Wundern fragen? 
26.10.2017

von Dagmar Mihr

„Das geht doch nicht. Man kann doch keiner Todkranken mit der Wunderfrage kommen!“ Auffallend häufig werde ich gefragt, ob und wie man denn die Wunderfrage in der systemischen Therapie mit Schwer- oder gar Todkranken einsetzen kann. Eine Kollegin meinte, dass es doch regelrecht unmoralisch sei, sie in diesem Kontext zu nutzen. Das macht schnell deutlich, dass es da ein grundlegendes Missverständnis gibt. Die Wunderfrage in der systemischen Arbeit mit Schwer- oder gar Todkranken bezieht sich nicht auf das Wunder „Wie wird mein Leben ohne Krankheit sein“, was verstehbarer Weise eine häufige Sehnsucht der Erkrankten ist oder wäre, wenn man danach fragte. Die Wunderfrage kann und darf sich nur auf das Leben mit der Krankheit und ihren Auswirkungen beziehen. Ein Beispiel: Thema des Therapiesitzung ist die Sehnsucht einer Klientin trotz Krankheit mehr Sozialkontakte zu haben. Sie möchte ihren Freundinnen häufiger ihre Bedürftigkeit nach Kontakt zeigen. Das ist gewissermaßen ein Wagnis, such bedürftig zeigen und nicht in der Hand haben, wie die Freundinnen reagieren. Dann könnte sich die Wunderfrage genau darauf beziehen. Etwa so:„Angenommen heute Nacht geschieht ein Wunder. Sie stehen morgen in der Früh auf, wissen selbst noch nicht, dass das Wunder geschehen ist? Woran fällt es ihnen auf, dass sie ihre Bedürftigkeit zeigen können? An was merken sie zuerst, dass sich das Wunder vollzogen hat? Wie verhalten sie sich jetzt, wo das Wunder geschehen ist?“  Und eine mögliche Antwort der Klientin könnte sein: „Obwohl ich weine, nehme ich den Telefonhörer in die Hand, rufe meine Freundin an und bitte sie mit mir zu frühstücken. Ich mute mich ihr heulend zu und sage, dass ich nicht allein sein mag. Und - ich schäme mich nicht dafür.“Eine schwere Erkrankung ist da, sie lässt sich nicht externalisieren und verschwindet in der Regel nicht dadurch, dass wir uns anders verhalten. Das gilt es zu akzeptierten - auch von uns TherapeutInnen. 


Council, die Erfahrung des Kreises
30.08.2017

von Ute Sauerzapf

Vor 6 Jahren lernte ich im Zuge einer Visionssuche „The way of council“ kennen. Diese besondere Form des Austauschs, des Sich-zeigens, aber auch des Sich-dem-Gegenüber-zuwendens haben mich schon damals beeindruckt, beglückt und bereichert. 

Als ich vor einigen Wochen von einer Jugendhilfe- Einrichtung angefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte den ins Stocken gekommene Dialog zwischen Pädagogen und Jugendlichen nach einer Missbrauchserfahrung zu moderieren, entschloss ich mich dies in dieser archaischen Form des Austauschs zu tun. Meine Intention dabei war, schon mit dem Setting und der Rahmung einen Unterschied zu dem zu machen, was sie gewohnt waren. Gewohnt waren sie in einem Raum an Tischen sitzend zu sprechen und sich dabei gegenseitig in Frage zu stellen oder aber den Dialog überhaupt zu verweigern. Mein Auftrag lautete, die Beteiligten miteinander ins Gespräch zu bringen, so dass gegenseitige Verständigung möglich würde. Als weiteren Schritt war perspektivisch angedacht dann gemeinsam zu entscheiden, ob und wie ein weiteres Zusammenleben gewährleistet werden könnte. 
Wichtig war meinem Auftraggeber auch, dass jeder der Jugendlichen sich äußern sollte.

Was bedeutet „Council“?
Im „Council“, zu sitzen bedeutet im Kreis zu sitzen, ursprünglich in der Natur – und „miteinander Rat zu halten“. Es ist eine gewaltfreie Kommunikationsform, die das Zuhören mehr  in den Mittelpunkt stellt als das Reden. Teilnehmende sitzen dabei im Kreis um eine Mitte und verwenden einen Gegenstand der anzeigt, wer spricht. Es gelten in diesem Kreis, der einen klaren Anfang und ein klares Ende hat, folgende Richtlinien: 

Sprich vom Herzen her

Höre vom Herzen her zu

Sei spontan

Sprich wesentlich

Sprich aus, was sowohl dir als auch dem Kreis und dem großen Ganzen dient

Erzähle von dir, nicht über etwas oder jemanden

Es gilt die Verschwiegenheits- bzw. Vertraulichkeitsregel: Was im Kreis gesagt wird, bleibt im Kreis. 
Ein Council hat durch diese Rahmung einen zeremoniellen Charakter und ist Ausdruck einer Haltung die Präsenz und Achtsamkeit in die Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zur Natur bewirkt. Es richtet sich auf Verständigung und das Finden von Antworten, die in der Gruppe angelegt sind aus.

Es war früher Abend als ich zu der Wohngruppe fuhr, die Sonne schien und es war warm – optimale Bedingungen für einen Council unter freiem Himmel. Da ich darauf eingestellt war, sowohl die Pädagogen als auch die Jugendlichen mit meiner Aufforderung im Garten in einem Kreis Platz zu nehmen zu irritieren, konnte ich gut bei meinem Vorhaben, bleiben, auch als diese sich wunderten. Schließlich saßen wir alle in einem Kreis zusammen, die einen auf Decken am Boden, andere auf niedrigen Klappstühlen. Ich bedankte mich dafür, dass sich alle auf „etwas Ungewöhnliches“ eingelassen hatten und stellte dann vor, in welcher Form sie nun miteinander in einen Austausch gehen sollten. Auch die Richtlinien im Council stellte ich vor und gab anschließend kurz Raum für Nach- und Verständnisfragen, bis ich den Eindruck hatte, dass wir eine Art „Kontrakt“ geschlossen hatten, auf den sich alle einlassen konnten. Ich legte einige Redegegenstände in die Mitte und der Council war eröffnet. Wir alle saßen nun in der Abendsonne auf einer Wiese, Blumen um uns herum, über uns der Himmel und manchmal wehte ein sanfter Wind. Wir saßen im Kreis – still, schweigend und aufmerksam – bis einer einen der Redegegenstände in die Hand nahm – und zu sprechen begann…..

Besonders für die Jugendlichen, so mein Eindruck, war es anfangs nicht leicht alleine vor dieser „geballten“ Aufmerksamkeit der Gruppe auf diese Weise zu sprechen und selbst auch wirklich zuzuhören. Einige Male musste ich Zwischenbemerkungen oder das Ansprechen an Einzelne unterbinden. Mehr und mehr ließen sich alle darauf ein. Es war eine bewegende Erfahrung für mich zu erleben wie jede einzelne Stimme gehört wurde, wie Stille sein durfte, wie Insekten um uns summten, wie Hunde bellten und all dies gehört wurde. Die anfängliche eher angespannte und misstrauische Stimmung wich einer Entspannung und einem Frieden, den ich so nicht für möglich gehalten hatte. 
Nachdem jeder gesprochen hatte und gehört worden war, fasste eine der Jugendlichen zusammen, was für sie deutlich geworden war und machte einen Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Dieser Vorschlag musste noch weiterentwickelt werden, bis sich alle darin wiederfinden und dem zustimmen konnten – und dann eine einstweilige Entscheidung getroffen werden konnte. 
4 Wochen später schrieb mich die Wohngruppe erneut an. Die Jugendlichen hatten den Wunsch geäußert ein weiteres Mal miteinander „zu Rate zu sitzen“ – und fragten, ob ich sie dabei nochmals unterstützen würde….

Literaturempfehlung:Jack Zimmermann, Virginia Coyle: Der große Rat, Das Council – mit dem Herzen hören und sprechen, den Kreis erweitern Arbor Verlag, ISBN 978-3-936855 


Systemische Therapie bei KrebspatientInnen 

01.08.2017 

Von Dagmar Mihr

Ich bin systemische Therapeutin und arbeite auch als Psychoonkologin. Ein Berufsfeld, das vielen noch gar nicht bekannt ist. Das bedeutet ich arbeite mit Frauen, Männern und manchmal auch deren Familien, wenn eine/r an Krebs erkrankt ist. Es ist eine wertvolle und beeindruckende Arbeit und es ist eine Arbeit, die sich oft sehr viel mehr mit dem Leben beschäftigt als mit dem Sterben. Das Leben gestalten, im Angesicht einer existenziellen Bedrohung erfordert eine Unmenge an Mut. Und nie zuvor sind mir so viele Menschen mit Mut begegnet, wie in dieser Arbeit.

Für mich sind sie mutig, obwohl sie Angst haben. Oft sogar furchtbare Angst. Mutig, weil sie wagen Therapien zu machen, die extrem viel von ihnen verlangen, die sie ein- und beschränken. Manchmal sogar lebenslang. Mutig sind auch die, die sich gegen eine Therapie entscheiden, weil ihnen das noch zu lebende Leben so wertvoller erscheint. 

Eine Klientin mit Brustkrebs kommt mir da in den Sinn. Ende 70 ist sie und der Krebs ist schon zur Diagnosestellung in Knochen, Leber und Lunge. Vor Aufregung zitternd sitzt sie mir entschlossen gegenüber. Sie will keine Therapie machen, sie will die bleibende Zeit nutzen, so gut es geht. Meine Unterstützung möchte sie, weil sie nicht sicher ist, wie sie das ihren Töchtern beibringen kann.  Sie will deren Begleitung und Akzeptanz bei diesem Weg. Wir führen ein klassisch systemisches Familiengespräch, in dem es ihr durch meine Fragen gelingt ihren Wunsch zu formulieren und es Raum für ihre und die Gefühle der Töchter gibt. Gemeinsam verabreden sie die nächsten Schritte.

Oder eine andere Klientin, die mit Mitte 50 unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist. Sie ringt mit der Frage, ob sie mit ihrem Mann zusammen bleiben will, obwohl sie unglücklich ist- sich aber jetzt ja todkrank nicht trennen kann. Die Auseinandersetzung bewegt sich an der Frage : unglücklich aber zu zweit oder lieber allein mit der Chance auf Glück. Über eine systemische Tetralemmaaufstellung findet sie zur Gewissheit bleiben zu wollen, trennt sich nach anderthalb Jahren dann doch, weil sie inzwischen mit fortschreitender Erkrankung die kostbare bleibende Lebenszeit nicht unglücklich verbringen will. Sie tut es und erlebt eine krisenhafte Zeit und ist dennoch bis heute in der Gewissheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. 

Und ein anderer Klient mit fortgeschrittenem Gallengangskrebs. Er hat große Ängste beim Gedanken an sein Ende. Diese Angst lähmt ihn oft, macht ihn handlungsunfähig, unfähig auch die schönen Dinge zu genießen.  Mit ihm arbeite ich mit einer Timeline, die ihn vom Ende her zum Jetzt schauen lässt. Dort, am Ende stehend, wird er ruhig und kann ohne Angst zum Jetzt schauen. Von hier aus gelingt es ihm plötzlich Ideen für das zu entwickeln, was er tun und erleben will- auf der Strecke vom Jetzt zum Ende.

Oder Frau A., deren größte Ressource der Gesang ist. Sie drückt ihr aktuelles Befinden und auch ihr Ziel zuerst in Tönen aus.  Findet darüber dann die Worte. Sogar beim zirkulären Fragen beschreibt sie die Reaktion ihrer Tochter auf ihre eigene Angst vor der Nachuntersuchung mit Tönen. Und immer wieder singen und tönen wir gemeinsam- das Lied, das sie mit Mut und Hoffnung erfüllt.

Nein, nicht alle Krebserkrankten müssen sterben. Viele kommen auch vorrübergehend, profitieren von der ressourcenorientierten Arbeit und verabschieden sich wieder.

Systemisches Denken und Handeln ist eine hervorragende Möglichkeit zur Begleitung  an Krebs erkrankter Menschen, für die Erkrankten und für die Begleiter.  Zu wissen, ich „begleite“ und auch im Angesicht dieser Krankheit und sogar im Angesicht des Todes bleibt jede Entscheidung, jedes „was will ich und wo will ich in dieser Begleitung hin“ beim Klienten. Ich bin Begleiterin und helfe Ziele zu entwickeln und auch umzusetzen. Ziele von kranken und auch sterbenden Menschen.Erreichbare Ziele entwickeln und an ihrer Umsetzung arbeiten macht häufig die Angst kleiner, auch in dieser Phase des Lebens.


Systemische Traumapädagogik - Traumasensible Begleitung und Beratung in psychosozialen Arbeisfeldern

17.07.2017 

Renate Jegodtka und Peter Luitjens aus Weyhe bei Bremen, die viele unserer TeilnehmerInnen aus der Weiterbildung Traumapädagogik und Traumafachberatung kennen und schätzen gelernt haben, haben ein sehr lesenswertes Buch mit dem Titel: Systemische Traumapädagogik –Traumasensible Begleitung und Beratung in psychosozialen Arbeitsfeldern geschrieben. Andreas Wahlster hatte das Vergnügen, dieses Buch zu rezensieren. 
Hier Auszüge daraus:

Zu Beginn wird der inhaltliche Aufbau des Buches dargestellt und ermöglicht so der LeserIn eine inhaltliche Orientierung, bereits hier wird die langjährige Erfahrung der AutorInnen als Lehrende und PraktikerInnen deutlich.Ein systemisches Verständnis von traumatischen Prozessen wird vorgestellt, die AutorInnen nehmen dazu folgende Frage als Ausgangspunkt: 
„Wie wirken (überwältigte und überwältigende) Menschen als konkret handelnde Personen und andere konkrete Personen z.B. PädagogInnen, BeraterInnen, Eltern), deren soziale Umfelder (z.B. Wohngruppe, Schule, Jugendamt), die ökonomischen, gesellschaftlichen Bedingungen usw. aufeinander ein? “Als theoretische Folie dient dazu das ökosystemische Modell der Systemebenen von Bronfenbrenner. Der Einbezug des Konzeptes der Salutogenese nach Antonovsky erweitert das ausschließliche Aufsetzen der „Traumabrille“ hin zu einer Sicht durch eine „Gleitsichtbrille“ , dadurch werden sowohl die „gekränkte Seite“ als auch „die Seite des gesunden Seins“ gesehen.

Ausführlich widmet sich das Buch der Darstellung verschiedener Erklärungsansätze von traumatischen Prozessen und ihrer Genese und den Implikationen psychiatrischer Diagnostik. Die AutorInnen verstehen traumatisches Geschehen gerade nicht als eine individuelle Störung von Krankheitswert, sondern vielmehr als einen „nachhaltigen Eingriff in das Kohärenzgefühl.“ Diese Hypothese wird sehr plausibel begründet und anhand immer wieder eingestreuter Fallvignetten anschaulich dargestellt. Ihrem theoretischen Rahmen konsequent folgend stellen Jegodtka und Luitjens ausführlich die Phasen des Davor und Danach eines traumatischen Prozesses vor, dem schließt sich eine erhellende differenzierte Darstellung zum „Zusammenspiel desdrei-einigen Gehirns“ an.

Dem großen Abschnitt des Buches zu Handlungskonzepten systemischer Traumaarbeit stellen die AutorInnen kontextübergreifende handlungsleitende Ziele voran. Jetzt wird es praktisch und durchaus auch politisch, wenn systemische Traumaarbeit u.a. formuliert, „den zentralen Wirkungen psychosozialer Traumatisierungen entgegen [zu]wirken“ sowie ein weiteres Ziel anstrebt: „Gesundes Sein trotz widriger Arbeitsumstände – Prävention Sekundärer Traumatisierung“. Der praktische Erfahrungsschatz der AutorInnen wird nun fast zum Händegreifen konkret erlebbar, wenn z.B. „traumasensibles Yoga“ als körperorientierte Erweiterung des Handlungsrepertoires erläutert wird, besonders beeindruckend hier der selbstheilende Aspekt der Einflussnahme sowie die Etablierung von „Empowerment durch die Möglichkeit der Wahl“.

Weiter werden anhand des Konzeptes der „Teilpersönlichkeiten“ Methoden der Teilearbeit gezeigt. Fortgesetzt wird diese Darstellung mit sehr anschaulichen Beispielen systemischer Traumaarbeit in verschiedenen Kontexten der Jugendhilfe. Deutlich arbeiten die Autorinnen am Beispiel von Gewalt zwischen Eltern heraus, wie sich traumatischer Stress in Familien etablieren kann und mehrgenerational „weitergegeben“ wird. Konkrete systemische Vorgehensweisen im Umgang mit Gewalt in Familien werden vorgestellt, z.B. explizite Nichtneutralität gegenüber der Gewalt, hingegen Neugier und Interesse für die begünstigenden Faktoren zur Entstehung von Gewalt……..

Selbst als fachkundiger Leser mag man über das abschließende Kapitel erstaunt sein, es trägt die Überschrift: „Systemische Traumaarbeit – Berufsrisiko Sekundäre Traumatisierung“. Spätestens beim Lesen wird die Relevanz des Kapitels deutlich. Es werden die Risiken für psychosoziale Fachkräfte in der Arbeit mit traumatisierten Menschen vorgestellt, die Autorinnen erläutern Konzepte Sekundärer Traumatisierung und formulieren schließlich Vorschläge und Anforderungen für Organisationen und Fachkräfte, wie „den zentralen Wirkungen psychosozialer Traumatisierungen entgegen [gewirkt ]“ werden kann……..

Die Idee zu diesem Buch wird von den Autorinnen im Vorwort erzählt, es eröffnet zugleich Einblick in ihre persönliche Motivation. Ein Auszug:„ Aufgewachsen im Nachkriegs(west)deutschland waren für uns die Folgen von Trauma und soziopolitischer Gewalt sowohl im sozialen Umfeld zu sehen, zu hören und zu spüren als auch Bestandteil der familienbiografischen Erfahrung. Sie prägten unsere Sicht auf die Welt. Bleibende Eindrücke haben später erste studienbegleitende berufliche Erfahrungen zu Beginn der 1970er Jahre hinterlassen: die stationäre Unterbringung von Jugendlichen in einem Heim, das von den Auswirkungen der Heimkampagne noch gänzlich unberührt war – große Gruppen, wenig und schlecht ausgebildetes Personal, Erziehung mit rigiden und auch gewalttätigen Erziehungsmethoden“. Es ist also auch ein politisches Buch, es wirbt für eine Haltung des unbedingten Respekts gegenüber den Klientinnen und ihren Geschichten. Die Zugewandtheit der Autorinnen ist förmlich zu spüren, ebenso beeindruckend ein von großer Praxiserfahrung untermauertes Methodenrepertoire Das Buch ist leicht zu lesen, sein Inhalt ist es mitunter nicht. Umso mehr gratuliere ich Renate Jegodtka und Peter Luitjens zu diesem hervorragenden Buch und kann es mit großer Überzeugung empfehlen. 


"Ein Fragezeichen setzt das Hirn meines Gesprächspartners in Gang. Ein Ausrufezeichen nur seine Ohren. Oder?"

27.06.2017

Ein Beitrag von Susanne Kolbe

Diesen Aphorismus von Peter Hohl möchte ich nutzen und ein Loblied auf die Fragen singen, die in der systemischen Therapie und Beratung eine so wesentliche Rolle spielen. Zu fragen statt zu sagen, keine Antworten zu präsentieren oder präsentieren zu müssen erleben TeilnehmerInnen unserer Weiterbildungen in Beratungssituationen oft als durchaus mühevoll und anstrengend. Es scheint zunächst ungewohnt und unsicherer zu sein, sich im professionellen Beratungskontext nicht wissend, sondern nichtwissend zu zeigen und stellt vor allem die landläufige Idee auf den Kopf, der Berater müsse doch der Experte sein, der sagt  „wo es lang geht“ und was die Lösung ist. Dabei ist genau diese Haltung des Nichtwissens die Eintrittskarte in die Welt des Kunden/Klienten. Über dessen Welt weiß ich nichts oder nicht viel, aber ich als systemische Therapeutin möchte Sie kennenlernen, um zu erfahren, wie er sein Problem bewertet, erklärt, erfährt, nennt, wie er sich fühlt, woran er sich stört, wie genau z.B. seine Vorstellung von einer Lösung aussieht, was er bisher versucht hat, um gewünschte Veränderungen herbeizuführen, wo er selbst seine Stärken sieht, etc., etc. ...

Wie sollte ein Kennenlernen dieser seiner Welt anders möglich sein, als viele aufrichtig interessierte Fragen zu stellen? Es versteht sich eigentlich von selbst, dass es offene Fragen sein sollten, die der Berater stellt, denn eine einfache Antwort von „ja“ oder „nein“ verschließt mir noch den Einblick in die Welt des Kunden/Klienten und ich erfahre von dieser Welt so gut wie nichts. Die Antwort einer jungen Juristin, die sich sehr unter Druck fühlt, ihren Job perfekt zu erledigen, auf meine Frage, wie sie denn bisher probiert habe mit dem Druck umzugehen? „Ich sage mir: nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Durch mein weiteres Nachfragen z.B. wie gut, bzw. hilfreich dieser Satz für sie sei, wird deutlich, dass dieser Lösungsversuch Teil des Problems ist. Der Satz sei der Satz des Vaters gewesen, dessen Ansprüchen sie auf jeden Fall genügen wolle. Respektvolles in Frage stellen von Ideen, Vorstellungen, Erklärungen, Bewertungen, die rund um ein Problem bestehen, bedeutet Arbeit für den Klienten, bewegt ihn und kostet „Nachdenk-Energie“. Durch seine Antworten erzählt er nicht nur dem Berater, sondern auch sich selbst seine Geschichte: „Meine gesprochenen Worte überraschen mich selbst und lehren mich meine Gedanken“. (Maurice Merleaut-Ponty, franz. Philosoph und Phänomenologe) Das ermöglicht ihm gleichzeitig, eine neue Sicht auf die Dinge zu bekommen, gibt ihm Anstöße sich aus verfestigten Denkschablonen zu lösen und gemeinsam mit der Beraterin zu suchen und zu prüfen, ob und welche neuen, besseren Möglichkeiten zur Bewältigung von Krisen und Herausforderungen es gibt. In den praktischen Übungssituationen unserer Weiterbildungen hilft es den Teilnehmern oft, sich vor einer solchen geübten Beratung mit Fragen zu „versorgen“ oder sich vorher zu überlegen welche Fragen gut wären zu stellen. Selbstverständlich kann das eine Möglichkeit sein. Sich auch von vorbereiteten Fragen lösen und in den Fluss eines Beratungsgespräches begeben zu können - ohne Furcht, dass mir die „richtigen“ Fragen einfallen - kann m.E. nur gelingen, wenn ich eine Haltung der Neugier – des aufrichtigen Interesses – einnehme und beibehalte. Dazu möchte ich ermutigen. Voraussetzung dafür ist, dass ich nicht meine eigene Welt zum Maßstab aller Dinge mache, sondern wahrhaftig offen – eben neugierig – bleibe auf andere Welten. 

P.S.: Viele (Lern-)Bücher gibt es, die sich der Kunst des Fragens widmen, wie z.B. (Empfehlung) die Neuauflage des Klassikers „Zirkuläre Fragen“ Fritz B. Simon/Christel Rech-Simon“, 12. Aufl. 2016, Carl Auer Verlag


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