Modus:

 Zweisamkeit - ein "Elternrecht"?

31.05.2017

Dürfen Paare ruhig zuerst an sich denken, statt uneigennützig die Kinder in den Mittelpunkt zu stellen? Eine gute Beziehung trotz Kind – geht das überhaupt?

Der prominente Familientherapeut Jesper Juul gibt in seinem neuen Buch „Liebende bleiben. Familien braucht Eltern, die mehr an sich denken“ eindeutige Antworten: Eltern haben ein Recht auf Zweisamkeit. Familie braucht Eltern, die an sich denken! Zum Wohl der Eltern – sonst geht das Paar-Glück ganz schnell verloren. Aber auch für die persönliche Entwicklung aller in der Familie. Tun sie es nicht, werden viele irgendwann mehr von Schuldgefühlen angetrieben als von der Liebe. Und wenn sich Mutter und Vater dauernd streiten, fühlen sich die Kinder am Ende selbst auch noch schuldig. 

Dieses ‚Elternrecht‘ ist also gar nicht so egoistisch, wie es zunächst klingt, sondern heilsam für die ganze Familie. Und: Das Beste, was Eltern für ihre Kinder tun können ist, die Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen und so ihrem Kind Vorbild zu sein. Das geht am besten, wenn sich Mütter und Väter die eigenen Wünsche erfüllen, statt den Partner und die Kinder mit Erwartungen zu überlasten.

https://www.beltz.de/sachbuch_ratgeber/buecher/produkt_produktdetails/33308-liebende_bleiben.html


 

Vom Sinn und Unsinn der Übung  

07.03.2017

Karl Baier, österreichischer Religionswissenschaftler, beleuchtet in seinem gleichnamingen Beitrag das Üben im Yengar-Yoga. 
Als Lehrender hier im Kasseler Institut haben mich seine praktischen und philosophischen Überlegungen besonders angesprochen. Zum Beispiel: „Die Übung, und was man auf Ihrem Weg erreicht, ist nicht Privatbesitz des Übenden. Es ist keinem gegeben, alle Aspekte der Übung zur Vollkommenheit zu führen. Die Gemeinschaft der Übenden ist dafür da, dass jeder Übende von den Anderen das erhält, was er nicht in sich selbst findet. Was einer tut, das gehört allen anderen und was alle tun, gehört jedem einzelnen. In der Mitteilung des im Üben Erreichten vollendet sich erst die Übung“.

Was für eine Sichtweise! Baier spricht von der Gemeinschaft der Übenden, vom (Mit)teilen der Übungserfahrung als Teil der Vollendung der Übung. Und Baier geht noch weiter, er bezieht den Lehrer als Übenden mit ein:„Der Lehrer fällt unter die Mitübenden, weil ein echter Lehrer immer auch Übender ist. Ein Lehrer, der vorgibt die Übung nicht mehr zu brauchen, z.B. weil er doch schon Meister sei, spielt mit falschen Karten. Wenn er nicht mehr übt, wird er nicht lange Meister bleiben. Der echte Lehrer unterscheidet sich vom Schüler nur dadurch, dass er 
1. entweder, wie Dürkheim einmal sagt, schon dort ist, wo der Schüler hingelangen will, nämlich auf dem Weg der nie endenden Übung oder 
2. zum Wohle der Anderen, ob diese nun schon selber auf dem Weg der Übung sind oder nicht, zeitweilig die Rolle des Korrigierenden und Wegweisenden übernimmt. 

Es gibt keinen Lehrer, der nicht seinerseits Korrektur von Anderen nötig hätte, also nicht immer wieder zum Schüler wird. Im Licht der beiden gemeinsamen Übungen wird also der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler stark relativiert. “Die beste Prophylaxe gegen „Gurufizierung“. 

Baier nimmt auch den Prozess des Übens genau unter die Lupe, indem er sagt: „Die Geübtheit bezieht sich auf das, was im Üben schon ausgeführt wird. Der Übende bereitet sich also beim Üben nicht auf etwas Anderes, jenseits des Übens Liegendes vor, sondern er vollzieht von Anfang an, was erübt werden soll und im Vollzug lernt er es. 

Es gibt beim Üben keine Trennung von Lernen und Vollzug des Gelernten, sondern im Versuchen dessen, was gelernt werden soll, wird es angeeignet“. „Einüben ist die Bewegung des Übens auf ein Können hin, das noch nicht verfügbar ist, sondern erst gelernt werden soll. Der Übende lädt sich gleichsam mit einer Möglichkeit auf, die ihm aus dem Unmöglichen zukommt. Diese Bewegung geschieht aber durch Ausüben. Nur einer, der ausgeübt hat, kann eingeübt sein…..“

Sie werden sicher weiterlesen wollen, das können Sie auf der Homepage von Karl Baier.


"Diagnose: Besonderheit.
Systemische Psychotherapie an den Rändern der Norm"
02.02.2017

Dies ist der aufschlussreiche Titel eines bemerkenswertes Buches von Sabine Klar & Lika Trinkl, in Wien ansässige systemische Psychotherapeutinnen. 

Dieses Buch zu lesen, ist gleichbedeutend mit einem Eintauchen in Lebenswelten, die uns sogenannten Normalen eher unbekannt, fremd oder gar unheimlich sind. Es ist ein ungewöhnliches Fachbuch mit Beiträgen von hochkompetenten KollegInnen über die Arbeit mit ungewöhnlichen KlientInnen, die durch die gewöhnlichen Raster der psychotherapeutischen und sozialarbeiterischen Regelversorgung fallen. Zu den Inhalten hat Andrea Brandl-Nebehay im Systemagazin geschrieben:

http://systemagazin.com/diagnose-besonderheit


Interview mit Helm Stierlin
04.01.2017 
Helm Stierlin, der bedeutende international bekannteste Heidelberger Pionier der systemischen Familientherapie, im Interview!
Es  lässt die persönliche Wandlung Stierlins von seinen psychoanalytischen  Wurzeln zum systemischen Denken sichtbar werden.  Helm Stierlin spricht  über sein Erleben der Wandlungen der Familientherapie hin zur  systemischen Perspektive, welche er über viele Jahre verfolgt und  mitgestaltet hat.
Aktuell bedeutsam ist das Interview aus dem Jahre  1992 insofern, weil es auch um die Verantwortung von systemischen  TherapeutInnen im Zusammenhang mit den unguten Entwicklungen aggressiver  Gewalt von rechts in Deutschland geht. http://systemagazin.com/think-globally-act-locally/


Leitthema Systemische Sozialarbeit
06.12.2016

Die dritte Ausgabe 2016 der FAMILIENDYNAMIK widmet sich der Theorie und Praxis systemischer Sozialarbeit. Sehr lesenswert, so wollen wir Ihnen ein paar Artikel hier kurz vorstellen.

Unter der Überschrift Systemisch-konstruktivistische Lebensweltorientierung erläutert und diskutiert Björn Kraus, Professor für wissenschaftliche soziale Arbeit an der Ev. Hochschule Freiburg, die Begriffe Lebenswelt und Lebenslage, er formuliert die Unterschiede der Begriffe und die fachliche Aufgabe, wie sich eine lebensweltliche Orientierung methodisch umsetzen lässt.

Wolf Ritscher, emeritierter Professor an der Hochschule für Sozialwesen Esslingen, Schwerpunkte: Familientherapie und Familiensozialarbeit, einer der profiliertesten Vertreter systemischer Sozialarbeit mit etlichen Veröffentlichungen zum Themenkreis, unterzieht in seinem Artikel Kinderschutz und Jugendhilfe heute
Was ist möglich, was ist nötig, was ist hilfreich?
den Kinderschutz sowie die Jugendhilfe einer kritischen Würdigung und formuliert anhand sozialwissenschaftlicher Perspektiven einen konzeptuellen Rahmen für Kinderschutz und Jugendhilfe heute.

Im Artikel Systemische Sozialarbeit und Liberalismus versucht Heiko Kleve, Professor im Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften an der Fachhochschule Potsdam, (neo-)liberale Ideen für die Sozialarbeit zu rehabilitieren. Wahrlich ein ambitioniertes Unterfangen.

Heiner Keupp, Dipl. Psychologe, Pofessor em. Für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München, zählt zu den renommiertesten Vertretern und Kämpfern für eine grundlegende Reform der psychiatrischen Versorgung in Deutschland. Sein Artikel Von der Re-Sozialisierung von Normalität und Abweichung beleuchtet die hochproblematische Dominanz eines medizinischen Krankheitsmodells und plädiert für eine „gesellschaftsdiagnostische“ Perspektive auf Lebensbedingungen im Kontext eines globalen Netzwerkkapitalismus.

Mehr erfahren Sie hier: https://www.familiendynamik.de/journal/fd_2016_03


Arbeit mit inneren Anteilen -
Chronologie und Prozesselemente einer Sitzung 
von Andreas Wahlster
15.11.2016
Eine junge Frau, 19 Jahre alt, nennen wir sie Pauline, geht in die 13. Klasse des Gymnasiums für Menschen mit einer Hörschädigung; das Abitur steht an. Sie kommt in großen Abständen zu Gesprächen zu mir, diesmal wegen Prüfungsangst, sie erhofft sich Anregungen. 

Therapeutisches Vorgehen: Erfragen und damit zum Assoziieren von Kompetenzerfahrungen anregen:

Zu Beginn erfrage ich bisherige Erfahrungen mit Prüfungen, sie berichtet von der bestandenen Führerscheinprüfung im zweiten Anlauf. Ressourcenorientierte Fragen werden gestellt mit der Absicht, Kompetenzerfahrungen für das Abitur zu assoziieren. Pauline meint, beim Abitur könne sie sich aber einen zweiten Anlauf nicht leisten, es muss gleich klappen. Pauline sagt, sie sei ehrgeizig, Frage: „Wie zeigt sich der Ehrgeiz?“ Paulines Blick ist hoch konzentriert nach innen gerichtet, der passende Augenblick, die Arbeit mit den inneren Anteilen anzubieten. 

Ich stelle ihr die Figuren vor (Schlümpfe) und einige weitere Gegenstände, die sich für diese Arbeit gut eignen. Ich erläutere ihr die Vorgehensweise, sie hat bereits ähnliche Erfahrungen aus einer vorangegangenen Sitzung mit dem sog. inneren Parlament. 

Wir verständigen uns darauf, zunächst innere Anteile, die sie unterstützen, zu sammeln und Anteile, die ihr (scheinbar) im Weg stehen sowie Unterstützer in ihrem nahen Umfeld herauszuarbeiten. Ein erstes Bild entsteht.

Pauline beschreibt das Bild als ein Schwimmen auf dem Strom, voran schwimmt die Mutige, dahinter die Vernünftige, im Schlepptau die Ehrgeizige, die Selbstglauberin und die Projektmanagerin. Vom Bild aus gesehen rechts ist die Verteidigerin zu sehen. Ganz hinten schwimmt die Gehässige.

Wir besprechen das Bild und sogleich bemerkt Pauline, dass das Bild ganz ok sei, aber die Gehässige würde stören. Die schwimmt hier nur hinterher und nutzt die Flutwellen aus. Außerdem sei sie besonders unfreundlich und laut.

Therapeutisches Vorgehen: Herausarbeiten der guten Absicht und Umdeutungen anbieten:

Ich frage, wie sich erklären lässt, dass die Gehässige sich auf diese Art meldet. Pauline kommt ins Nachdenken….. Eigentlich sei die Gehässige nur so laut und penetrant, weil sie (Pauline) sie nicht richtig hört und stur ihren Weg geht. Beiläufig bemerkt Pauline, diese Sturheit habe sie sich angeeignet, seit sie ihre Hörschädigung bewusst wahrgenommen habe. Wir erkunden, welche Aufgabe die Gehässige hat, ein flüssiger leichter Dialog entsteht…… Es zeigt sich, dass die Gehässige eine wichtige Aufgabe hat, nämlich Pauline vor Gefahren wie Überforderung und zu hohem Tempo zu warnen. So wird aus der Gehässigen die vorsichtige Projektwächterin.

Pauline nimmt weitere Veränderungen am Ursprungsbild vor. Die Projektmanagerin bekommt eine neue Position außerhalb, sie muss den Überblick haben und die bisherige Verteidigerin wird zur verteidigenden Projektwächterin. Außerdem kommt ein kleiner Helfer hinzu, er repräsentiert die Unterstützer im Umfeld. Das Schlussbild sieht so aus:



Pauline schaut minutenlang auf das Bild, ihr Blick ist entspannt und ganz konzentriert, man könnte es eine Kompetenztrance  nennen. Sie will es so lassen, es gibt ihr Kraft und Orientierung.

Therapeutisches Vorgehen: Ankern des Neuen:

„Wie kannst Du dieses Bild in Dir speichern?“ Pauline denkt kurz nach, dass sie sich die Bilder ausdrucken und in ihrem Zimmer aufhängen will. „Wem wirst Du von diesem Bild erzählen?“ (äußere Unterstützer akivieren) Pauline will ihren Eltern, ihrem jüngeren Bruder und einer guten Freundin davon erzählen. Ich sage ihr zu, dass ich ihr die Bilder per mail schicken werde und wir sprechen noch darüber. Ein paar Zentimeter größer scheinend geht Pauline wieder ihrer Wege…..

 


"Aus der Knospe der Verwirrung erhebt sich die Blüte der Verwunderung" - (arabisches Sprichwort)

Ein Praxisbericht von Susanne Kolbe
21.10.2016

Ein junger Mann kam zu mir in die Praxis – er wisse nicht ob seine Freundin, mit der er seit einigen Jahren zusammenlebt - die richtige Frau für ihn sei. Das wolle er herausfinden, um zu entscheiden ob er bleiben und mit ihr Kinder haben wolle oder ob er sich trennen solle, denn so richtig perfekt sei sie eben nicht.
Nach drei Beratungssequenzen, in denen ich nach allen mir bekannten Regeln der Kunst arbeitete - von Auftragsklärung, systemischen Fragen von A bis Z bis hin zu dem Vorschlag die Freundin in seine Überlegungen einzuweihen und sie mitzubringen - war ich am Ende meiner Kunst und mein Kunde in seinem Dilemma: „Gehen oder bleiben“?

 

Nun kann man sich trefflich darüber streiten, ob es überhaupt sinnvoll ist mit einem derartigen Anliegen zu arbeiten, über mein Vorgehen etc. Den Fokus möchte ich hier aber lenken auf eine wunderbare Arbeit, die nicht nur meinem Klienten sondern auch mir Wege aus dem Dilemma: „Das Eine ist so gut / schlecht wie das Andere – wie soll ich mich entscheiden?“ eröffnet hat.
 

Die Rede ist vom Tetralemma – einem Aufstellungsformat entwickelt von Matthias Varga von Kibed, das dem Motto Heinz von Foersters gerecht wird: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird“.
Die Tetralemmaarbeit ist kein klassisches Aufstellungsformat sondern vielmehr ein Prozessschema, das der Kunde oder Klient durchläuft oder auch durchwandert, um den nächsten Schritt zu finden.  Sie kann eingesetzt werden, wenn es um die Schlichtung von Konflikten oder Fragestellungen geht, die auf einem Gegensatz beruhen - wie z.B. in diesem Fall: „Gehen oder bleiben“. 
Um aus dem Dilemma und der tunnelartigen Pendelbewegung zwischen den zwei Positionen herauszuführen, werden zwei zusätzliche Positionen hinzugenommen, die das Dilemma erweitern zu einem Tetralemma – deutsch: „vier Ecken“ - im Sinne von vier Positionen/Standpunkten. 

 

Ich bat meinen Klienten mithilfe von Bodenankern den Standpunkt „Bleiben“ (das Eine) im Raum zu platzieren und gegenüber den Standpunkt „Gehen“ (das Andere). Außerdem die Positionen „Beides“ und „Keines von Beidem“, sodass vier Positionen gleichberechtigt und ausgewogen in einem Quadrat zueinander standen. Zum Schluss fügte er noch eine fünfte Position hinzu: ein freies Element – die sogenannte Nicht-Position „All dies nicht – und selbst das nicht“ als eine Form der Musterunterbrechung. 

Alle fünf Bodenanker wurden von ihm - mit einer Mischung aus Neugier und Verwirrung – im Raum ausgelegt und ich lud ihn ein, das Tetralemma zu durchwandern und sich selbst an die jeweiligen Positionen zu begeben. 
Dort angekommen - befragte ich ihn über sein Körpergefühl, seine Gedanken, Ideen Empfindungen an den Standpunkten und nach seinen Handlungsimpulsen, die - für ihn erstaunlicherweise - deutlich unterschiedlich waren und teils heftige Reaktionen auslösten.  Nach Beendigung seiner Wanderung bat ich ihn, die Eindrücke seiner Reise zu den verschiedenen Positionen, die er erkundet hatte, zusammenzufassen. 

Mit großer Verwunderung über seine gemachte Erfahrung, die ihm bisher unvertraute Haltungen erschlossen und neue Handlungsoptionen eröffnet hat, verabschiedete sich mein Klient – angeregt und ein wenig kopfschüttelnd - und meldete sich 14 Tage später per Email. Er habe seiner Freundin einen Heiratsantrag gemacht und sie hätten sich für ein Zusammenleben in getrennten Wohnungen entschieden.
 

Ich erlebe die Tetralemmaarbeit als eine kreative und gewinnbringende Möglichkeit für die Verflüssigung verfestigter Denkmuster und Auflösung von Erstarrung und ich bin dankbar für dieses Format der Systemischen Strukturaufstellungen, die Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer entwickelt haben. 
Das Tetralemma lenkt den Fokus von dem anfänglichen „Entweder – oder“ auf einen größeren Zusammenhang und ermöglicht zentrale Aspekte von Entscheidungsalternativen wahrzunehmen. Also: systemisch im besten Sinne! 

Natürlich gibt es neben der Tetralemma-Aufstellung noch viele andere Formen systemischer Strukturaufstellungen, die – je nach Anliegen und Thema – eingesetzt werden können. Mehr davon in unserer Weiterbildung „Systemaufstellungen Kompakt“! 
Dort ist diesem Thema explizit ein 3-tägiges Modul gewidmet. Auch andere Aufstellungsformen wie z.B. Organisationsaufstellungen, Familienaufstellungen - sei es im Einzelsetting oder in der Gruppe - werden gelehrt.

 


Im Systemagazin postete am 12. Juni Tom Levold ein sehr eindrückliches Video von Sheila Mc Namee,

Professorin für Kommunikation an der Universität New Hampshire.

 Sheila McNamee formuliert darin ihre Sorgen über einen zunehmenden   Trend in der Psychotherapie hin zur Standardisierung von menschlichen   Problemen und einem entsprechenden Interventionsrepertoire. Sie erkennt   bei PsychotherapeutInnen in der Ausbildung eine Trend zur Überzeugung,   die richtige Intervention bzw. Lösung zu haben, einhergehend mit einem   Verlust von Präsenz und radikaler Zuwendung und Aufmerksamkeit für den   Klienten.

Sie benennt dies treffend als „dehumanizing  process“. Ihre  Ausführungen sind ein Plädoyer für Neugier und Interesse  für den  Klienten und seine Lebenswelt, für unterschiedliche  therapeutische  Zugänge zu den Lebenswelten und Fragen unserer Klienten,  sie hat dafür  den Begriff der „radical presence“ geschaffen. 

 Als Weiterbildungsinstitut für angehende TherapeutInnen und   BeraterInnen sind wir besonders aufgefordert, einen Beitrag zu leisten   für eine therapeutisch/beraterische Haltung, die sich dem Kunsthandwerk   der Begegnung mit Menschen verschreibt und stetig der Verlockung der   alleinigen Interventionsgläubigkeit widersteht.

Sehen Sie selbst: https://www.youtube.com/watch?v=n04Vbhg7PJY

 


Empfehlung für einen hervorragenden Artikel
Wolfgang Loth, Dipl. Psychologe und Leiter einer Familienberatungsstelle, gehört in der systemischen Szene zu den Gefragten und Gehörten. Das wird man nicht so einfach. Die Liste seiner Publikationen ist stattlich, beispielhaft sei hier das 1998 erschienene Buch: „Auf den Spuren hilfreicher Veränderungen. Das Entwickeln klinischer Kontrakte“ genannt. Auch ist er ein begehrter Rezensent, nicht zu vergessen sein Wirken als Mitglied im Editorial Board der Zeitschrift "Familiendynamik" (seit 2009) und Mitglied des Beirats der "Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung" (seit 2010). Sein neuester Aufsatz hat den Titel

Systemische Therapie zwischen Erwartung und Erfahrung
Wir freuen uns, dass wir diesen Aufsatz mit freundlicher Genehmigung der HerausgeberInnen Sabine Trautmann-Voigt und Bernd Vogt wiedergeben dürfen. 

In seinem Aufsatz stellt er grundlegende Überlegungen zum Tun von Helfern, z.B. in den Kontexten von Therapie und Beratung, an. Bereits auf der ersten Seite seines Aufsatzes formuliert er eine zentrale Frage: „Betrachte ich mich eher als jemand, der beim Gegenüber eine Veränderung herstellen will, oder eher als jemand, der sich zu Anderen (den Hilfesuchenden) in Beziehung setzt?“

Loth schreibt weiter: „Psychosoziales Helfen betrachte ich als Helfen in Sinnsystemen“, formuliert nachdenklich machende Thesen zum Helfen und vieles mehr. Sein Aufsatz reflektiert, wie er selber einmal geschrieben hat, „die Dinge, von denen mir schien, dass sie den Kern unserer Profession ausmachen.“ Hier können Sie weiterlesen.

 

 

"Was wir noch nicht wissen - Woher weißt Du, was ich fühle?"

Dieser Film des Bayrischen Rundfunks befasst  sich mit Systemaufstellungen, genauer: Was passiert in Aufstellungen  und wozu können Aufstellungen nützlich / hilfreich sein? Besonders gut  gelungen fanden wir das letzte Drittel des Beitrags, in dem es um den  Stand der Forschungsergebnisse und der Erklärungsansätze für das  Phänomen der Informationsübertragung auf StellvertreterInnen geht. Hier  der link: http://www.familienaufstellung.org/aufstellungsarbeit

 


Wodurch entsteht elterliche Angst?
Der elterliche Angstkreislauf

von Andreas Wahlster

Wenn Eltern in Beratung kommen, sind ihre Problembeschreibungen zumeist durch eine spezifische Struktur gekennzeichnet: Die Art und Weise, wie Eltern ein Problem, genauer gesagt ihre Beziehung zum Problem beschreiben, eröffnet wichtige Hinweise auf die Entstehungsgeschichte des Problems selbst. Es macht daher Sinn, die Hilfsmotoren zur Erzeugung von Problemen zu erkunden.

Das können sein:

Negative Selbstannahmen: Auch wenn sich ein Paar entscheidet, ein Kind in die Welt zu setzen, bedeutet das nicht automatisch, dass sie davon überzeugt sind, dass sie dafür auch die notwendigen Kompetenzen mitbringen. Besonders beim Markieren von Grenzen sind Eltern gefordert, an ihre Überzeugungen zu glauben und den Konflikt mit dem Kind auszuhalten. Die Annahme, dass ein Konflikt automatisch zur befürchteten Verschlechterung der Eltern-Kind-Beziehung führt und dass daran dann die Eltern „schuld“ seien, kann zur Unterlassung der notwendigen Grenzziehung führen. 

Reaktive Erziehungsarbeit: Wenn Eltern Konflikte vermeiden wollen, findet das mitunter seinen Ausdruck darin, dass sie keine oder diffuse Grenzziehungen vollziehen, d.h. dass sie dem Kind keinen Rahmen in Form von Regeln setzen. Forderungen des Kindes werden dann eher erfüllt als sie einzuschränken oder gar zurückzuweisen.

Botschaften aus elterlichen Herkunftsfamilien: „Ich habe dir doch immer gesagt, dass du das mit den Kindern lassen solltest“ oder: „Kinder sind der Sargnagel für Eltern“. Derlei Sätze sind Beispiele für negative Botschaften aus elterlichen Herkunftsfamilien. Die negativen Botschaften kann dann schwächende Energie entfalten, wenn Eltern(teile) selbst ihre mitunter auftretende Unsicherheit im Umgang mit ihren Kindern auch grundsätzlich negativ bewerten.

Perfektionistische Ansprüche: Immer wieder äußern Eltern in Beratung/Coaching, dass sie unter allen Umständen verhindern wollen, Fehler zu machen, diese würden ihre Kinder schädigen. 

Nicht – Kooperation der Elternteile: Kooperation der Eltern erfordert Zuhören und Verhandeln unterschiedlicher Positionen, um ein gemeinsames Vorgehen zu entwickeln, das die Zustimmung beider Eltern hat. Kann ein Elternteil nicht zustimmen und die Eltern arbeiten nicht an einem tragfähigen Kompromiss, entsteht die Gefahr, dass er sich aus der Erziehungsarbeit zurückzieht und möglicherweise sogar auf ein Scheitern des Partners hofft. Das führt zur Spaltung der Eltern und schwächt beide Eltern.

Alleinerziehen: Alleinerziehende stehen vor der Herausforderung, nun das Erziehungsgeschäft weitestgehend alleine managen zu müssen, einhergehend mit einem hohen Energieaufwand. Der alleinerziehende Elternteil erlebt also in mehrfacher Hinsicht die Auswirkungen der Trennung: Die Trennung vom Partner, der Wegfall eines anwesenden aktiven Elternteils, mitunter auch verknüpft mit Schuldgefühlen und/oder Vorwürfen an den ehemaligen Partner. 

Diese Hilfsmotoren wirken sich schwächend auf den Glauben in die eigene Wirksamkeit aus. Eltern versuchen dann, Kinder zu überzeugen statt zu handeln. Kinder wiederum nehmen diese elterlichen Selbstzweifel geradezu seismographisch wahr und unterlassen die gewünschten Handlungen. 
Das kindliche Verhalten und dessen Bewertung durch die Eltern erzeugt negative Feedbackschleifen, negative Glaubenssätze werden reaktiviert, weiter begünstigt dieses „Glaubenssystem“ auch Defizitannahmen über das Kind bis hin zur Entwicklung von Pathologie im Sinne von Diagnosen.
Die folgenden elterlichen Handlungen sind geprägt durch ein Muster des mehr desselben, hierzu gehören besonders sich symmetrisch eskalierende Konflikte bis hin zu Gewalt auf beiden Seiten.Dieses Muster im Sinne eines Angstkreislaufs führt häufig zu einer spezifischen Beschreibung von Problemen, welche sich wiederum im Sinne einer zirkulären Wechselwirkung auf die Aktivierung der Hilfsmotoren  auswirken. 


Systemisch-marokkanische Begegnungen

von Dagmar Mihr

Im Februar fand die diesjährige Trialogie- Tagung in der Wüste Marokkos statt. Eine Woche Begegnung mit anderen systemisch denkenden und handelnden Menschen aus verschiedensten Berufsfeldern und eine Woche Begegnung mit Optionen systemischen Arbeiten und Handelns, mit Gedanken von "ah, so könnte es also auch gehen, sein oder werden." 
Mehr als 40 Personen haben sich auf den weiten Weg gemacht, die von Tom Levold, Liane Stephan und Mohammed El Hachimi initiierte und geleitete Tagung zu erleben. Oder besser zu erfahren? Re-mind, welch ein Motto. Re-mind (Erinnern), Begegnung mit der eigenen Kreativität. Sich erinnern an etwas, von dem Manche gar nicht bewusst hatten, dass es noch oder überhaupt da ist. Impulstheater, Tanz, Ton und Schreibwerkstatt. Eigener Kreativität begegnen, den eigenen Impulsen vertrauen und erleben, dass sie Teil der eigenen Persönlichkeit sind. Re-mind knüpft an eine Systemische Haltung an: Alles was du brauchst, hast du schon.

Begegnung aber auch mit dem Land und den Leuten, mit marokkanischem Leben. Zagora, eine Gegend Marokkos, die wenig Perspektiven zu haben scheint, in der Hoffnung ein großesThema ist. Weil man sie hat und sich engagiert oder weil man fürchtet sie zu verlieren oder auch schon verloren hat. Eine Gegend, die vom Klimawandel und sinkendem Grundwasserspiegel betroffen ist. Hier, wo Wasser eh Mangelware ist. Eine Gegend, der der Tourismus Perspektive gibt und die sich im Zuge der aktuellen politischen Entwicklungen vor dem Wegbleiben der Touristen fürchtet. 

Wir wurden hier SEHR willkommen geheißen. Begegnung- zusätzlich auch mit anderem Leben und gar nicht so anderen Fragen. Politik, Flüchtlinge, Frauen - wie ist es wann, wo und mit wem? 
Und dann dieser Tagungsort - Riad Lamane. Eine Projektidee hat ihn entstehen lassen. Ein Riad zur Arbeitsplatzbeschaffung in der Region. Ein Riad dessen Gewinne neue regionale Projekte anstoßen. Ein Ort voller Palmen und üppiger Vegetation, ein Ort der kaum liebevoller gestaltet und achtsamer entwickelt werden konnte. Architektur, die sich an die bestehende Landschaft angepasst hat, die bis ins Detail das marokkanische, berberisch, arabisch, afrikanische Leben aufnimmt - im Innen und Außen. Ein Ort, der die Liebe zu Marokko und den Menschen spürbar macht, allen Menschen. Eine Liebe, die ich weiter spüre.

Im Kontakt mit meinen kreativen Fähigkeiten, inspiriert und voller Ideen und beschenkt mit einem deutlich erweiterten Netzwerk von Systemikern bin ich zurück - hier in Kassel.Die nächste Trialogie Tagung ist schon geplant - Februar 2017. Wen es interessiert: www.trialogie.comBeste 

Grüße Eure/ Ihre Dagmar Mihr 
Lehrtherapeutin i.A. am Kasseler Institut / Systemische Therapeutin SG / Systemaufstellerin KI / Psychoonkologin DKG 


Gedankensplitter zu Selbstorganisation und dem Entstehen von Freude und Leichtigkeit im Praxiskurs

von Annette Springmeier

Wie gelingt es, aus einer inspirierenden systemischen Theorie eine eigene stabile, systemisch ausgerichtete (Beratungs-)Praxis zu entwickeln? Dies ist für mich als Lehrtherapeutin am Kasseler Institut, die Teilnehmende der Praxiskurse begleitet, eine zentrale Frage. 
Wie werden die praktischen Anwendungsübungen des abgeschlossenen Grundkurses in der Praxis umgesetzt? 
Wie kann es gelingen, die systemische Denk- und Handlungsweise in den jeweils eigenen Arbeitskontext zu integrieren?

Erleichternd und herausfordernd zugleich ist hierbei, dass in der systemischen Weiterbildung nicht nur die Vermittlung systemischer Tools im Fokus steht, sondern vielmehr die Entwicklung einer Haltung - einer Haltung, in der  

•    es nicht um richtig oder falsch geht, sondern um das, was kontextbezogen hilfreich und nützlich oder eben weniger hilfreich sein könnte. Also um Fragen nach günstigen Umständen und nicht nach Veränderung von Persönlichkeitsmerkmalen,
•    Ressourcen und Selbstorganisation eine wichtige Rolle beim Lernen von Neuem spielen, ebenso wie
•    die Expertise des Nichtwissens und die Allparteilichkeit als Berater-in gegenüber Lösungen  und
•    radikale Respektlosigkeit gegenüber Ideen (auch der der Systemtheorie)
•    und Respekt gegenüber den Personen,  um nur einige Aspekte zu nennen.

D.h. mit der Entscheidung für die Teilnahme an der dreijährigen Weiterbildung in systemischer Therapie und Beratung ist auch (bewusst oder unbewusst) eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebenskonzept, den eigenen Mustern, den eigenen Werten  und dem eigenen Weltbild verbunden.  Nur so können die vermittelten Tools und Theorien ihre Anziehungskraft für das Neue der TeilnehmerInnen und der KlientInnen entwickeln: geerdet in einer Haltung , die offen dafür ist, die systemische Denkweise in die eigene Lebens-Haltung zu integrieren. Gelingt im Laufe der Weiterbildung eine solche Integration nicht, ist zu vermuten, dass die Anwendung systemischer Interventionsmethoden eher mechanisch daher kommen wird – und damit oftmals ohne nachhaltige Wirkung. Hierzu ist es erforderlich, dass die Teilnehmenden systemische Paradigmen an sich selbst wirkungsvoll erleben und reflektieren. 

Beispielsweise wird reflektiert, was einen Unterschied macht, zwischen dem Bisherigen und dem, was jetzt von Bedeutung ist für die eigene Haltung, was durch diese Veränderung, durch diesen Unterschied möglich wird in den beruflichen und persönlichen Interaktionen. Für mich ist hierbei wesentlich, keinen Unterschied zwischen „hier Arbeit und dort das Persönliche“ zu machen. So kann sich die Wirksamkeit des systemischen Ansatzes sowohl im Arbeitskontext als auch im Persönlichen entfalten und zur Anziehungskraft für den eigenen Lernprozess werden. Sich erlauben, in den Seminaren Fragestellungen zu formulieren, die einladen mit eigenen Wert-Haltungen von gut-böse, richtig-falsch, Mangel-Fülle zu experimentieren, wie es gelingen kann, spielerisch neue Wege zu erkunden und damit Schritt für Schritt eine stabile eigene Praxis entwickeln – das fördern wir!

Ein lebendiger wechselseitiger Prozess der Ko-Kreation zwischen den Teilnehmenden und mir als Lehrtherapeutin, der  auch mich inspiriert und in dem auch ich Lernende bin.  


 Von "under-cover" zu "publik" - Kurzgeschichte eines Theaterprojektes

von Andreas Wahlster

10 sog. Laien, die jedoch vielmehr ExpertInnen ihrer selbst sind, und 2 professionelle Schauspieler gehen auf die Bühne und spielen, so als wäre es selbstverständlich. Doch nichts ist selbstverständlich, sie erzählen ihre eigenen „Depressionsgeschichten“. Geschichten vom Leid, nicht mehr leben zu wollen, Versagensängsten, Schuld und Scham, dem Glauben alleine zu sein. Also kein Boulevard, kein Gefälligkeitstheater.

Das kleinste Stadttheater Deutschlands in Moers am Niederrhein, schon seit langem eine feine Adresse für theatrale Grenzgänge und Überschreitungen, bot dafür den professionellen Rahmen. Wer erwartet hatte, einem Theaterabend mit Blut, Schweiß und Tränen beizuwohnen, wurde überrascht. Vielmehr konnte man sich als Zuschauer dem Sog der Spielfreude, der Ernsthaftigkeit und dem subtilen Humor nicht entziehen. Es ist eine Collage aus vielen Erzählungen, die allesamt gekennzeichnet sind vom Zuviel:    

  • Dem Zuviel des Erreichensollens von Lebensoptimierung     
  • Dem Zuviel an Anpassung an Erwartungen, seien es selbstgesteckte oder fremdgesteckte      
  • Dem Zuviel an Unterlassung der Unterlassung, nichts oder wenigstens weniger zu tun    
  • Dem Zuviel an der Unterdrückung autonomiestärkender Handlungen      
  • Dem Zuviel an Schweigen darüber Wie kann dieses Projekt entstehen? 

Es braucht einen mutigen politischen Intendanten Ulrich Greb, eine erfahrene kreative und sensible Regisseurin Barbara Wachendorff, die die Geschichten der Experten in den Mittelpunkt stellt und es braucht mutige sog. Betroffene, die ihre Geschichten öffentlich machen und so miteinander den berühmten Unterschied machen, der einen Unterschied macht.

Ich hatte das Privileg und Vergnügen, dieses Projekt schon in seiner Entstehensgeschichte als teilnehmender Beobachter verfolgen zu dürfen. Mich hat interessiert und fasziniert, wie es die Beteiligten geschafft haben, einen Rahmen zu schaffen, der dieses Stück hervorbringt. Ich habe mir von den ExpertInnen (spezifische Begrifflichkeit siehe oben) die Erlaubnis eingeholt, sie mittels eines kleinen Fragebogens nach dem Projekt zu ihren persönlichen Erfahrungen interviewen zu dürfen.

Einige Ergebnisse dieser Befragung seien hier vorstellt.

Alle ExpertInnen nannten als wesentlichen Grund für ihr Mitwirken den Wunsch, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen, der „Krankheit“ ihre Dramatik zu nehmen. Sie wollten der Scham entgegentreten, Mut machen, auch sich selbst. Sie berichteten von sehr intensiven Reaktionen der Zuschauer, die sich beeindruckt zeigten vom Mut der Akteure. Die Auswirkungen im familiären Umfeld und im Freundeskreis waren mannigfaltig, jetzt sei wirklicher Kontakt möglich und Verständnis für scheinbar komisches Verhalten. Die psychische Befindlichkeit war auf einer Skala von null bis zehn im Durchschnitt bei einem Wert von 6,5 zu Beginn des Projektes und nach dem Projekt bei einem Wert von 8,5.

Die hohen Anforderungen im Projekt (neben Beruf, Schule noch abends und am Wochenende Proben bzw. Vorstellungen) wurden von allen gut bewältigt, geholfen haben dabei der Spaß am Spiel und die Überzeugung, Teil eines bedeutsamen Projektes zu sein. 

Viele der ExpertInnen nahmen während des Projektes eine Psychotherapie in Anspruch. Es wurde als unterstützend erlebt, dass sich die PsychotherapeutInnen neutral bis positiv zustimmend hinsichtlich der Teilnahme gezeigt haben.

Die Vergabe der Diagnose Depression wurde nur von einer Expertin als erleichternd erlebt, ein Experte meinte: „Die Diagnose ist eine verharmlosende Benennung für eine Lebenskrise“.

Ausnahmslos alle ExpertInnen haben neue und alte Stärken (wieder) entdeckt und halten theatrale Arbeit mit „Betroffenen“ für eine sehr relevante und nützliche Option.

Im Oktober dieses Jahres haben die Regisseurin und ich alle ExpertInnen zu einem (follow up) -Treffen eingeladen, wir waren sehr neugierig. Alle sind gekommen. Wieder viele Fragen (diesmal ohne Fragebogen), wie es des AkteurInnen jetzt geht, wie sie ihr Leben gestalten, eineinhalb Jahre nach Ende Projektes, eine kleine Katamnese. Die Wirkungen sind nachhaltig und es werden viele Verknüpfungen zu den Erfahrungen im Projekt hergestellt, keine Euphorie, vielmehr Vertrauen in Selbstwirksamkeit. Ein Teilnehmer sagte: „Mich zu zeigen, hat mich in die Welt geholt“. 

Als systemischer Therapeut und Ehemann der Regisseurin fällt es mir sozusagen vor die Füße, Verknüpfungen zwischen Therapie und Theater herzustellen. Das Projekt kann als Beispiel für gelungene „Fortsetzungsbedingungen der Kommunikation“ (Peter Fuchs) betrachtet werden. Die ExpertInnen heben die gute Rahmung von Regie und Dramaturgie hervor, diese habe sich gezeigt in einer gelungenen Balance von Interesse, Fürsorge einerseits und Ansporn andererseits. Hier lässt sich ein link zu einem der generischen Prinzipien herstellen, dem Herstellen von Stabilitätsbedingungen. 

Und ich denke immer wieder an den Satz meines alten Lehrers Gunthard Weber: „Das Krankheitspaket auspacken“. Die Geschichten der ExpertInnen sind Spiegel einer Gesellschaft, die meint, sich endlos optimieren zu müssen. Byung-Chul Han, Philosoph aus Berlin, sagt: „Die Depression kommt daher, dass wir uns in uns hineinfressen“. Alain Ehrenberg spricht vom „erschöpften Selbst“. 

Dieses Theaterprojekt war mitnichten erschöpfend, sondern nachhaltig belebend, besonders für die ExpertInnen. Wunderbar. Einen kleinen Videoclip findet man hier: http://www.schlosstheatermoers.de/?produktion=under-cover 

Für die Wartenden auf die Literatur:
Ehrenberg, Alain (2004): Das erschöpfte Selbst: Depression und Gesellschaft in der Gegenwart (Suhrkamp) 
Han, Byung-Chul: (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=GJr-AIbnZEg)
Han, Byung-Chul (2013): Müdigkeitsgesellschaft, Matthes und Seitz, BerlinFuchs, P. (2011) Die Verwaltung der vagen Dinge. Auer Verlag Heidelberg.
Rufer, M. (2012) Erfasse komplex, handle einfach. Auer Verlag Heidelberg.


Listen to the silence – it’s a lot of power!“

Ein spannendes Projekt: Der Star-Choreograf Royston Maldoom tanzt mit Kasseler Schülern >> http://www.youtube.com/watch?v=tV0ST4oVXno


Systemaufstellungen 

gewinnen in Beratung, Psychotherapie, Supervision und Coaching und auch im sozialpädagogischer Arbeitsfeld immer mehr an Bedeutung, werden zunehmend angewandt und von KlientInnen nachgefragt.
Diese Einsatzmöglichkeiten der Aufstellungsarbeit sind bei Weitem nicht ausgeschöpft, noch liegt viel Entwicklungspotential in den einzelnen Arbeitsfeldern brach.

Vielfältige Erfahrungen der letzten Jahre zeigen beispielsweise, dass es auch auf beeindruckende Weise möglich ist, in der Einzelarbeit ohne Gruppe, dafür aber mit Hilfe von Figuren, Bodenankern, Kissen, Schuhen oder ähnlichen Hilfsmitteln aufzustellen. Das ist sehr bedeutend, da dadurch die Aufstellungsarbeit auch in der Einzel-, Paar- und Familientherapie und in sozialen Institutionen eingesetzt werden kann, in denen es keine Möglichkeit gibt, im Kreise einer Gruppe zu arbeiten.

Näheres können Sie beispielhaft in einem Interview von Wilfried De Philipp mit Sieglinde Schneider erfahren:

Wilfried De Philipp, Familienstellen in der Einzelberatung, Teil 1, in: Praxis der Systemaufstellung, Heft 2/ 2003, S. 16 - 22.  

Wilfried De Philipp, Familienstellen in der Einzelberatung, Teil 2, in: Praxis der Systemaufstellung, Heft 1/ 2004, S. 42 - 50.

Heinrich Breuer, "Familienstellen und soziale Arbeitsfelder"in: Praxis der Systemaufstellung 2/ 2004, S. 35 - 40

 


Absolventen berichten

Liebe Leserin, lieber Leser!

Vor zehn Monaten habe ich mich, nach bereits mehreren erfolgreich absolvierten Aus- und Weiterbildungen, erneut zu einer Weiterbildung angemeldet, diesmal zur Systemischen Paartherapie und Paarberatung am Kasseler Institut.
In meinem Umfeld gab das durchaus Raunen und Kommentare, wie z.B. „Brauchst Du das jetzt auch noch?“ oder „Jetzt lass doch mal gut sein!“ und auch ich musste für mich länger abwägen, ob ich dies nun tatsächlich noch auf mich nehmen wollte. Denn bei allem, was eine solche Unternehmung an Positivem und Neuem mit sich bringt, bedeutet sie doch auch Arbeit und ein großes Maß an zeitlichem Engagement. Ich bin froh, diesen Schritt unternommen zu haben und möchte gerne meine Eindrücke und Erfahrungen mit Ihnen/Euch teilen.

In einer Gruppe von zwanzig Kolleginnen und Kollegen ging es im Oktober los. Wie so oft in solchen Begegnungen, dachte ich über die neuen Gesichter und die mit diesen Menschen verbundenen Erfahrungen, Hintergründe und – für die nächsten Monate sehr bedeutend – deren Rolle für meine eigene Entwicklung in dieser Weiterbildung nach. Wie würde es gelingen, Vertrautheit herzustellen, eigene Kontakte mit den Anderen gut zu balancieren und in den, sicherlich auch in dieser Weiterbildung enthaltenen, Anteilen zur Selbstreflexion einen guten Rahmen zu finden? Da ich bereits die dreijährige Weiterbildung zum Systemischen Therapeuten und Berater am Kasseler Institut absolviert hatte, war ich mir sicher, in Ingrid Voßler eine verkörperte Antwort für all diese Fragen zu finden. Aufgeregt war ich trotzdem...

Schon nach dem ersten Seminar war durch die Inhalte und die eingewobenen Übungen aus verschiedenen Feldern (benannt seien hier exemplarisch Körperübungen auf Grundlage der körperorientierten Psychotherapie (u.a. 'Embodying Well-Being' nach Julie Henderson), Achtsamkeitsübungen, Elemente aus dem Diamond Approach der Ridhwan-Schule) und Rollenspielen eine Atmosphäre dichter und spannender Arbeit vorhanden. Das aus Ingrid Voßlers eigener langjähriger Beratungstätigkeit mit Paaren gewachsene Konzept verbindet Systemische Theoriebildung und methodische Praxis mit der Arbeit und den Ansätzen anderer erfahrener Paartherapeuten (z.B. Hans Jellouschek, David Schnarch, Ulrich Clement) sowie vielen weiteren Elementen zu einem integrativen Ganzen. Die Vermittlung ihrer Erfahrungen, verbunden mit der expliziten Einladung, eigene Wege hieraus zu entwickeln, haben die fünf Seminare für mich zu einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit Paaren und dahinterliegenden Ideen, Mythen und Konstrukten werden lassen. Dabei wurden alle relevanten Aspekte, die in einer Therapie oder Beratung mit Paaren auftauchen können, beleuchtet, so auch Themen, die zu einer Tabuisierung einladen können, wie Sexualität oder Gewalt und wie man/frau als Begleitung eines Paares dies gestalten kann.

Beim Schreiben fallen mir viele weitere Autoren ein, die die Literaturlisten des Seminares füllten, sowie weitere Erfahrungen, Übungen und auch emotional berührende Momente dieser Weiterbildung. Dies alles hier zu fassen, würde den Rahmen eines Erlebnisberichtes sprengen.Ich möchte daher an dieser Stelle mein Fazit ziehen: es war eine Veranstaltung „aus der Praxis für die Praxis“ mit reichlich Input, Anregungen und Blicken über den Tellerrand sowie einer guten Rahmung, was eigene Prozesse betrifft. Ich freue mich so gerüstet und bestärkt, Paaren eine gute Begleitung auf ihren Wegen, wohin auch immer sie führen mögen, sein zu können. 

Dariusch Milani
Systemischer Therapeut und Berater
Systemischer Paartherapeut und Paarberater
Heilpraktiker für Psychotherapie

Eine Teilnehmerin berichtet aus der Praxis

Nach dem Elterncoaching-Seminar:

Heute erhielten wir von einer Teilnehmerin unseres Elterncoaching-Seminars einen kleinen Bericht. Dieser zeigt die guten Auswirkungen des Seminars bei ihrer Arbeit als Schulsozialarbeiterin und wir möchten den Bericht gerne im Original weitergeben:

„Grade komme ich frisch aus dem Klassenrat mit der Klasse 6. Eine tolle Klasse. Nach unserer Eingangsrunde: „Bist du entspannt?“ meldet sich Adrian. Er hätte ein Problem. Als er drankam, hatte er es vergessen. Ich fragte die anderen ob sie wissen, was denn sein könnte. Wir haben uns Zeit gelassen zu überlegen, da auf einmal fiel es ihm wieder ein: Ein Problem mit einem Mitschüler. Wir haben das Problem in die Mitte gestellt, es uns von allen Seiten angeschaut, Adrian hat es beschrieben, wie es sich so anfühlt, wie es sich äußert.... wir haben uns richtig Zeit gelassen. Dann haben wir überlegt, wer das Problem denn noch kennt. Das kannten einige. Dann haben wir überlegt, wenn wir das Problem jetzt richtig anfeuern, wie es sich dann anfühlt – nicht gut.

Also was tun? Dann habe ich die Mädels und Jungs eingeladen auf ein Experiment: “Wir alle sind Therapeuten.... und Therapeuten sagen: Einen Mitschüler kannst du nicht ändern –was können wir stattdessen tun?“ Wir sammelten eine Menge Vorschläge, was man in dieser Situation tun könnte. Dann haben wir einige im Rollenspiel ausprobiert. Einer „meiner“ Schüler-Therapeuten meinte dann: „Wir müssen auch was tun und ich mache Adrian das Angebot ich unterstütze Dich morgen früh gleich. Adrian fand das eine super Idee, wollte aber auch dass ich morgen früh komme und nachfrage, wie es denn geklappt hat. Als wir geendet hatten und auf dem Weg in Klassenzimmer zurück waren, sagte Jasmin auf einmal zu ihrer Lehrerin: „ Also ich würde jetzt gerne nicht mehr mit dem Malteser zur Schule gebracht werden, sondern selber fahren. Ich kann das und wenn mich die anderen auch so unterstützen, dann klappt das“.

Also............. – das ist meine Arbeit“